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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-06-01 · Heft 23 (1.6.1846) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 23 (1.6.1846)
Date
1846-06-01
Page
Seite 331 (sequence 3)
Language
German
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die Felsen Norwegens und Steyerwarks sich mit Fruchtbarkeit befielet? Im GegentheLL sind das die blühendsten Reiche geworden, die mächtigsten Staaten, wo die Juden mit Liebe und Gerechtigkeit empfangen worden. Ich erinnere an Holland, England, Nordamerika. Ist Frankreich darum zerrüttet, weil es den Juden völlige bürgerliche Gleichstellung ertheilte? Wahrlich, Baiern wird nicht glücklicher, nicht mächtiger werden, wenn die 50,000 Juden nicht mehr darin athmen!" „Es ist dies auch erklärlich," sprach ein ernster Mann. „Wo man kein Gefühl für das Menschenrecht seines Nachbarn hat, weil er nicht desselben Glaubens — da wird man es aus anderen Gründen auch nicht haben. Der Menschengeist und das Menschenherz sind konsequent, selbst ohne Bewußtsein. Im Rechte läßt sich nicht scheiden; es muß allgemein sein, oder es ist nicht. Eine Ausnahme macht es zum Unrecht, und das hat keine Begränzung." „Lasset uns bei unsrer Frage bleiben," sagte der Vorsteher. „Wir sind nicht zu Betrachtungen hierher gekommen, sondern den praktischesten, und für uns folgereichsten Gegenstand zu berathen. Ich will Euch meine Meinung kurz sagen. Wir waren entschlossen, auszuwandern, weil wir in den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr leben können. Die Niederlassung ist uns im höchsten Grade erschwert, und wir müssen Viele unserer Söhne altern sehen, bevor sie ihren Heerd sich errichten können. Im Gewerbe sind wir zahllosen Beschränkungen unterworfen; so Vieles ist uns verboten, daß selbst das Gestattete uns, der Konkurrenz wegen, nur verderblich ist; dabei sind wir selbst vor den Richterstühlen unsäglich benachrheiligt, daß unser Eigenthum kaum gesichert genannt werden kann; der Steuern und Abgaben hingegen lasten auf uns ganz ohne Verhältniß mehr, als auf unseren christlichen Mitbürgern. Unser Ruin ist vorauszusehen. Wir müssen immermehr verarmen. Sollten wir warten, bis die Mehrzahl von uns, ganz an den Bettelstab gekommen, um dann noch verhöhnter und schutzloser zu sein? Der kluge Mann geht bei Zeiten. Aber mau erwartete Abhülfe von den Ständen. Ist diese uns geworden? Materiell nicht die geringste. Keine unserer Beschwerden ist berücksichtigt worden. Wir sind auf die Zukunft vertröstet. Ob und wann diese kommen werde? Dem Geiste nach? Auch nicht, denn die Verhandlungen zeigen, daß mindestens Haß und Liebe noch sehr die Waage sich halten. So sehe ich allerdings kein anderes Heil für uns, als auszuwandern; und da gerade für die Meisten aus dieser Gemeinde durch voraufgegangene Brüder ein Anker schon geworfen, so stimme ich offen dafür." Ein lautes Beifallmurmeln erhob sich; die Einzelnen sprachen einstimmend zu einander; als sich der Rabbi erhob, und das Ansehen des würdigen Mannes stellte schnell die Ruhe her. „Meine Freunde!" sprach er. „Wir haben die Dinge bis jetzt nur vom einseitigen Standpunkte betrachtet. Wir haben unser Bedürfniß befragt, unsre Aussicht, unser materielles Verhältniß. Die Sache hat aber noch einen andern Gesichtspunkt. Materielle Opfer für seine Existenz, für die Existenz in seinem Glauben zu bringen, ist einmal der Jude durch die Vorsehung bestimmt; und es kann ihm kaum die Frage sein, ob er sie bringen solle? Wir gehören auch dem Vaterlande an, und das kann für lediglich äußere Vortheile oder Nachtheile nicht feil sein. Die Vorsehung hat uns hierher versetzt. Wir sind berufen, das Land, wo unsere Wiegen standen, wo unsre Jugend erblühete, wo wir unsere Ehen schlossen und unserer Eltern Körper dem Staube übergaben, zu lieben, in ihm zu kämpfen und zu leiden, und, so weit es an uns ist, die Zeit heranzubringeu, wo die bürgerliche Freiheit alle Söhne des Vaterlandes gleicher Weise begrüßt. Wenn wir es aber verlassen, wenn wir die gemeinsame Mutter verstoßen und ihr den Rücken wenden: wird man uns nicht feige nennen? wird man nicht sagen, daß uns unser Vaterland um äußeres Gut feil ist? daß wir es in Stich lassen, sobald sich uns an einem andern Punkte der Erde eine bessere Aussicht eröffnet? Das Vaterland ist krank: sollen wir es sich selbst überlassen, weil die Aerzte unsrer Meinung nach, schädliche statt heilsame Mittel verordnen? — Und wer sagt uns, daß wir es niemals bereuen werden? daß das Heimweh niemals in unsrer Brust erwachen und unbesiegbar uns zurücktreiben werde? Werden wir vergessen, was wir hier verlassen haben? Wird ein fremder Himmelsstrich uns ersetzen können den, unter welchem wir herangewachsen sind und gealtert haben? Der Mensch ist eine Pflanze, von der es sehr fraglich ist, ob sie, in einen andern Boden versetzt, weiter gedeihen werde? Bedenkt dies wohl, meine Brüder!" Diese aus bewegtem Herzen geflossenen Worte machten einen tiefen Eindruck. Hatten auch nicht Alte den Sinn der ganzen Rede gefaßt, so fühlten sie doch, was der würdige Mann gemeint. Nach einer längern Pause erhob sich der Sohn jenes Greises, der zuerst gesprochen. „Verzeihung, verehrter Herr! wenn ich, obschon ich

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