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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-06-01 · Heft 23 (1.6.1846) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 23 (1.6.1846)
Date
1846-06-01
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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330 Jeder dem folge, was die Vorsehung ihm Günfiiges darbieten werde. Solches hatten wir ans im vorigen Fahre schon vsrgenömmen. Unser würdige Rabbi ab-er hielt uns ab davon. Konnte es ihm gleichgiltig sein, die Hrrrde, welcher er fast dreißig Jahre seine Obhut gewidmet hatte, sich zerstreuen zu sehen? Konnte er eine ganze Gemeinde Israels so leichten Kaufes aus ihrem vierhundertjährigen Sitze — denn so lange wohnen unsere Väter Ln dieser Stadt — sich entfernen sehen, ihre Heiligthümer der Entweihung preis geben, ohne wiederholt ernstes Bedenken zu erheben? Als daher die Stände dieses Königreiches sich zu versammeln begannen; als die Israeliten, die in ihm wohnen, von allen Seiten ihre Vorstellungen und Bitten an die Stände richteten, als sich das Gerücht verbreitete, man würde mit Ernst daran gehen, unsre Lage zu verbessern: da beschwor er uns, mit unserm Entschlüsse anzustehen, und wenn man auch nicht erwarten konnte, daß allen Uebeln mit einem Male abgeholfen würde, so könnte man doch aus der Richtung, welche die Stände einschlagen würden, ersehen, ob der Druck und die Beschränkung, welche in diesem Lande auf den Söhnen Juda's lasten, wenn auch nur nach und nach, gehoben würden, und wir daher verpflichtet wären, unseren Kindern die Gräber ihrer Väter und die Sitze ihrer Vorvordern zu erhalten. Wir gehorchten seiner Mahnung. Nun, die Stände haben unsere Bitten gehört, sie haben Verhandlung gepflogen. Wir haben die Berichte darüber empfangen. Ihr habet Alle sie gelesen. Es ist nun an der Zeit, unfern Beschluß zu fassen. Darum Hab' ich Euch zusammenberufen. Wer seine Meinung gebildet hat, der spreche." Der Erste, der sich erhob, war ein silberhaariger Greis. „Ich bin," begann er, „der Aelteste in der Gemeinde. Meiner Lebenstage können nicht Viele mehr sein; Jugendunmuth und Leichtsinn liegen längst hinter mir. Ich habe mir nun von meinem Sohne die Verhandlungen der Stände vorlesen, ja wiederholen lassen, und gerade diese haben es mir unwiderruflich gemacht, für die Auswanderung zu stimmen." „Und warum?" hob der Rabbi an. „Hat nicht die königliche Regierung am Schlüsse verheißen, ein Gesetz den nächsten Ständen vorzulegen zur Verbesserung unserer Verhältnisse? haben »licht sehr viele treffliche Männer für uns ihre Stimmen erhoben, so daß nur wenige Redner geradezu Judenhaß predigten?" „Erlauben Sie," begann der Sohn jenes Greises, „daß ich in meines Vaters und meinem Namen unsre entgegengesetzte Meinung ausspreche. Kann rnan wol einen wesentlichen Wink aus der ganzen VerhaMung hervocheben, der in der That auf die Aufhsßu«tz der Beschränkungen Hinweise? Worte sind gesprochen worden, aber sobald es zur That kam, hat man nur Eines der vielen Handelsverbote aufgehoben, welche in den letzten Jahren wie eherne Fesseln um unsre GewerbSthätigkeit geschlungen worden? Haben nicht Kaufleute wie Landwirthe gegen uns die Stimme erhoben? Ja, in drei Jahren ist uns ein neues Gesetz verheißen — in drei Jahren. Wie es ausfallen wird, wer kann es sagen? und wie dann die Stände diesen Gesetzentwurf behandeln werden, daß und wie es zu Stande kommen werde, wo ist eine Sicherheit? Haben etwa die Stände ausgesprochen, daß der Entwurf sich der Emanzipation nur nähern solle, wie es die württembergischen gethan? Wie Viele haben denn für Emanzipation gesprochen? Kaum zwei. Fast Alle waren darin einig, daß die Juden bedeutenden Beschränkungen unterworfen bleiben müßten. Haben nicht selbst die, welche für uns sprachen, Kränkungen und Vorwürfe auf uns gehäuft, und höchstens als Entschuldigung angeführt, daß unsere Fehler durch den Druck gekommen seien? Und wie hat rnan sich gegen uns geäußert! Wenn die Stände wahrhaft von freisinnigem Geiste beseelt gewesen, hätte dann der Geist des Hasses so zum Ausspruch kommen können? Jeder Einzelne fleht unter der Herrschaft des allgemeinen Geistes, und wo von vorn herein Liebe und Billigkeit herrschend sind, da wird auch der Einzelne sich hüten, Haß und Vorurtheil auszusprechen, weil er fürchtet, sich allgemeiner Mißbilligung und Verachtung auszusetzen . . . ." „Wie!" unterbrach ein Mann heftig aufspringend den Redner. „Hat man nicht gesagt: man würde ein Anlehn von 10 Millionen verwilligen, wenn wir Alle auswauderten? Hat man nicht gesagt: mau solle uns nur guten Weg wünschen, wenn wir gingen? . Nun, so lasset uns gehen; solch guter Wunsch ist doch nur das Einzige, was wir erlangen werden . . . ." „Nur ruhig," fiel der Vorsteher ein; „uns können ja die Schlagworte Einzelner nicht bewegen, und .... man sollte doch einem Gegner möglichst den Wunsch nicht erfüllen." „Wo bis jetzt die Juden," fing ein Dritter an, „durch offne oder heimliche Gewalt aus de»n Lande entfernt wurden, hat sich der Segen noch niemals verbreitet. Spanien und Portugal liegen danieder, Sizilien ist ohnmächtig. Was bietet die Schweiz für ein Bild dar? Haben

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