Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1846)
- Date
- 1846-05-25
- Page
- Seite 323 (sequence 7)
- Language
- German
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823 unsrer Religion ein berechtigtes sei, und ob es gar Euch, die Ihr nicht die Wissenden und nicht die Berufenen seid, zukäme, an den bestehenden Formen zu rütteln und Euer eigenes Bedürfniß für ihre Umgestaltung geltend zu wachen? Aber Ihr habt Männer des Wissens und Berufs selbst, Ihr habt die ausgezeichnetsten Rabbinen und Prediger unsrer Zeit zusammentreten sehen, um dieses Recht der Gegenwart nicht nur offen anzuerkennen, sondern auch durch die That geltend zu machen. Ihr habt es von diesen Männern selbst vernommen, daß unsre heilige Religion nicht einzelnen Bevorzugten, sondern einem Jeden das Recht zusteht, seine Ueberzeugung und sein Bedürfniß kund zu geben; Ihr habt von jenen Männern den Ausspruch vernommen, daß die Bestrebungen der Genossenschaft wohl berechtigte und durchaus im Boden des Judenthums wurzelnde seien; ja Ihr habt diese Männer selbst für die Einrichtung dieses Gottesdienstes durch ihre Beirath Mitwirken und das Wort Gottes an geweihter Stelle verkündigen sehen. Könnt Ihr noch zweifeln, daß es nicht ein Werk der Zerstörung, sondern der Wiedergeburt sei, das hier begonnen ist? könnt Ihr zweifeln, daß es auch Euer Recht, ja daß es auch Eure heilige Pflicht sei, an diesem Werke durch Wort und ThatTheil zu nehmen, auf daß es zum wahren Heil des Judenthums und seiner Bekenner vollbracht werde, wie es aus wahrhafter Liebe zum Judenthum begonnen worden ist? Ihr konntet damals Besorgniß hegen in Eurem Gemüth: es werde eine Saat des Unfriedens und der Zwietracht sein, die durch dies Beginnen ausgesät werde unter unseren Glaubensgenossen; es werde das kleine Häuflein unserer Brüder noch mehr zerrissen und zersplittert werden, und es möchten des Landes Mächtige schwerlich zugebeu, daß Solches geschehe in ihrer Mitte und unter ihrem Szepter. — Aber die That hat es anders gelehrt. Auch nicht einen Augenblick ist der Friede da gestört worden, wo das Werk begonnen und schon so weit gediehen ist. In ungetrübter Eintracht leben und wirken die Männer der verschiedensten Ansichten neben einander, weil wahre Religiosität die Ueberzeugung eines Jeden achtet, und Keinem das Recht streitig macht nach derselben zu leben und zu handeln; und noch weniger ist von Seiten der Staateregierung eine Bewegung gehemmt worden, die wie die unsrige nicht den Kampf, sondern den Frieden sucht, die nicht durch äußeres Aufsehen glänzen will, sondern ihren Ruhm in einer stillen inneru Entwickelung findet, die nicht durch gewaltsame Anstrengungen sich auszubreiren bemüht ist, sondern es ihrer Berechtigung allein überläßt, die Zustimmung und Mitwirkung der Betheiligten zu gewinnen. Darum mögen die Friedliebenden nicht einen Kampf befürchten, der unsrer Sache um so weniger droht, jemehr sie in ihrer wahren Bedeutung hervortritt; es mögen die Furchtsamen keiner Besorgniß Raum geben, deren Grundlosigkeit schon jetzt offen am Tage liegt, und vor Allem gebe ein Jeder der Wahrheit die Ehre, und halte fest an der Ueberzeugung, daß, wer in ihrem Dienste ist, keine Gefahr zu fürchten und keine zu scheuen hat. Und endlich mochtet Ihr damals, obwol mit Unrecht fragen, ob es nicht bedenklich sei, sich einigen wenigen Männern auf Treu und Glauben anzuschließen, die vielleicht gesonnen sein möchten, nach eigenem Gutdünken einen neuen Kodex, oder gar ein bindendas Glaubensbekenntniß des Judenthums zu entwerfen? Ihr konntet fürchten, es würden jene Einzelnen sich selbst zu Gesetzgebern aufwerfen, nachdem sie das Ansehen der früheren Gesetze angefochten hätten; und es könnte statt der Herrschaft eines veralteten, aber doch ehrwürdigen Gesetzes, die Willkürherrschaft einiger Weniger eintreten. Aber wenn irgend eine Besorgniß sich als unbegründet zeigte, so ist eS diese. Die Männer, die eS in ihrem ersten Aufruf ausgesprochen haben, daß sie sich nicht für berufen erkennen, die innerhalb des Judenthums nothwendig gewordene Umgestaltung selbst auszuführen, und daß sie nur in Gemeinschaft mit einer großen Gesammtheit Gleichgesinnter und durch das Organ einer von Allen gemeinsam berufenen Synode das Werk der Reform vollbringen wollen, diese Männer haben es bewährt, daß sie an diesen Grundsätzen festhalten, und daß sie weit von dem Streben entfernt sind, sich selbst eine Herrschaft auzumaßen, die sie dem hergebrachten Gesetz nicht wehr zugestehen wollen. Nicht nur die Männer des ersten Aufrufs sind zurückgetreten, und haben als Mitglieder der zahlreichen Genossenschaft, die sich in Berlin gebildet hat, kein Vorrecht für sich in Anspruch genommen, auch diese selbst, wie sehr sie auch gegenwärtig noch an Zahl überwiegt, wie sehr sie auch in Allem, was bisher geleistet wurde, fast allein dasteht, will nur als ein einzelnes Glied der Gesammtgenoffenschaft gelten, das in gemeinsamen Berathungen mit Anderen zu wirken sucht. Auch der Gottesdienst, der zur Befriedigung eines lokalen Bedürfnisses provisorisch in's Leben gerufen wurde, wie hohe Anerkennuug sich derselbe auch errungen, ist doch nirgends als maßgebend für die Zukunft und für die Gesammtheit bezeichnet worden. Dagegen ist es den Bemühungen der dortigen Genossenschaft in der neuesten Zeit gelungen, durch Berufung auswärtiger Deputirten alle