Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-05-25 · Heft 22 (25.5.1846) · p. Seite 319

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 22 (25.5.1846)
Date
1846-05-25
Page
Seite 319 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225466--07759-3238536
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

319 Hier entnehmen wir daraus, was er über Jerusalem, und namentlich über das anglikanische Bisthum zu Jerusalem sagt. Es sind da einige Bekenntnisse darin, die wir uns nicht entgehen lassen wollen. Er sagt: „Jerusalem soll im Mittelpunkte der Erde liegen; ein marmorner Kranz mitten auf dem Fußboden der Grabeskirche dient zu seiner Bezeichnung. Diese Rechnung mag ein Jrrthum sein; aber daß Jerusalem sür die Nationen des Erdkreises gleichwie das große mütterliche Herz ist, in dem ein Puls schlägt von ihren eigenen Herzen: das sieht das Auge des Pilgrims leicht. Christen des Orients wie des Okzidents, so mannigfaltig in ihren Bekenntnissen wie in ihren Zungen, Muhamedaner, Juden: alle wohnen unter den Dächern der heiligen Stadt. Weltliche Spekulationen nicht sinds, die sie dahin gerufen, nicht Interessen der Eitelkeit, sondern der Drang zu beten an einer Stätte, geweiht und heilig vor allen Stätten der Welt. Mohammeds Bewohner besitzen hier ihre unvergleichliche Moschee über den Ruinen des Salomotempels; so viele andere betritt der Fuß des Fremdlings, nur Omar's Moschee ist ihm unantastbar verschlossen. Die Christen schaaren sich hier unter die Kuppeln über Golgatha und dem Grabe ihres Herrn; was gilt dagegen die Pracht St. Peters, was die Herrlichkeit der Paulskirche. Die Kinder Israels kommen hieher aus weiten Fernen. Was nennen sie ihr Eigenthum von all den Heiligthümern der Davidsstadt? Ein enger Mauerwinkel ist ihnen geblieben von Jehovah's Tempel, um dort zu knieen und zu beten. Wer könnte zu diesem „Klageplatze" kommen, des Freitags, wo die Frauen nie fehlen mit den Thränen unterm Schleier, ohne eine tiefe Theilnahme am Schicksal dieses Volkes. — Dieser Platz ist dicht hinter der Moschee el Aksa; sein allgemeiner Name ist kein anderer als der des jüdischen Klageplatzes; er wird als ein besonderes Privilegium geachtet. Wohl möcht' ich's ein trauriges Privilegium nennen; aber dennoch waren die Juden nicht immer so glücklich nur ein ähnliches in ihrer Gottesstadt zu besitzen. Zweihundert Jahre lang, nach dem Aufstande Barchochba's unter Hadrian bis zur Zeit Konstantin's, war ihnen sogar jede Annäherung zur Stadt verboten. Unter Konstantin dursten sie bis auf die Nachbarhügel kommen, um von da die Stadt zu sehen. Später war es ihnen vergönnt, jährlich einmal, und zwar am Gedächtnißtage der Zerstörung durch Titus, auf den Tempeltrümmern zu stehen und zu weinen; nur mußten sie, wie Hieronymus erzählt, selbst zu ihren Thränen die Erlaubniß mit Geld an den Wachtsoldaten bezahlen. Jetzt bewohnen sie den ganzen nordöstlichen Theil von Zion. Reinlich ist es dort eben so wenig wie in den Judenvierteln europäischer Städte. Die ärmliche einfache Erscheinung, die sie anzunehmen pflegen, hat jedoch besonders den Zweck, die Habsucht der türkischen Herren ungereizt zu lassen. — Eine Ueberraschung hatt' ich, als mich der Weg durchs Judenviertel zum jüdischen Klageplatze führte. Es trat mir aus der Thüre einer unansehnlichen Hütte ein wahres Madonnenbild entgegen, das schönste, das ich je gesehen. Ueberhaupt gelten die Juden Palästina's für eine Rare von den angenehmsten Zügen; nur giebts deren sehr Viele in Jerusalem, die aus fernen Ländern, namentlich aus Polen, Rußland, Deutschland, eingewandert sind, um in der heiligen Stadt zu sterben und überm Thale Josaphat ein Grab zu finden. — Einen bemerkenswerthen Kontrast muß ich noch angeben. Während keine einzige jüdische Familie seit einem Jahrtausend oder vielmehr seit einem halben Jahrtausend in Jerusalem wohnt, hat man in Aegypten Judenfamilien, die seit fast vier Jahrtausenden daselbst heimisch sind, nämlich solche, die mit Moses gar nicht ausgewandcrt. (????) Uebrigens zählt Jerusalem in seinen Mauern gegenwärtig mehr Juden als Muhamedaner (und Christen). Der Muhamedaner rechnet man, mit Ausschluß von etwa tausend Mann türkischer Garnison, gegen fünftausend Seelen; der Juden über siebentausend. (Tischendorf zählt weiter unten 3450 Christen.)" „Bekanntlich hat man darum mit Vorliebe einen bekehrten Juden zum Bischöfe *) gewählt, weil man die Bekehrung der Juden in Palästina bei der Stiftung des Bisthums vorzugsweise im Auge hatte **). Bin ich recht unterrichtet worden, sowol von der Prcdigtweise eines der bischöflichen Missionäre als *) Alexander, der bekanntlich jüngst verstorben. An seine Stelle ist bereits ein geborner Christ gewählt. Redakt. **) Man hatte Wunder was sür Illusionen sich hingegeben, und glaubte, so wie nur der Bischof mit seiner Bischöfin und seinen Bischöflein (eoeo i veseovim) erschiene, würden alle Juden ihm zulaufen! Redakt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.