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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-05-18 · Heft 21 (18.5.1846) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 21 (18.5.1846)
Date
1846-05-18
Page
Seite 314 (sequence 14)
Language
German
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814 Was konnte diese verhängnißvolle Veränderung bewirken? Woher kommt diese traurige Entwickelung nach einem so glücklichen Erfolge? Die Seele des Kampfes, das Leben, das den Körper der Insurgenten bewegt, der Leuchtthurm der Nation war Kosziusko. Der Bauer folgte ihm wie das Kind seiner Mutter; dasselbe Vertrauen belebte den Bürger, derselbe Respekt leitete den Adligen. Aber Gott, der den Sieg leitet, wollte Polen noch nicht verzeihen: eine Kugel trifft KoSziuSko, der der Armee voranschritt, um ihr ein Beispiel zu sein; er fällt von seinem Pferde. In selbigem Augenblicke wechselt das Schicksal des Tages; die Bauern stoßen ein Verzweiflungsgeschrei aus, die Bürger halten ein, die Adligen streiten sich. Ein Reiter stürmt herzu, um seinem General zu Hülfe zu eiten, aber das Blut fließt aus seiner Wunde, sein Degen entfällt seiner Hand, die ihm nicht mehr gehorcht; der Polengeneral erkennt Berko; und als die Russen sich dieses bedeutenden Gefangenen bemächtigen, ihn vor Katharina zu führen, und ihn in einen Kerker von St. Petersburg einzusperren, betrachtet er seinen Freund, wirft ihm, so schwach er ist, einen Freundesblick zu, die Augen gen Himmel gewandt, als wolle er sagen: Unglückliches Polen! Unglückliche Israeliten! . Einige Monate nach dieser schrecklichen Schlacht erschien in Leipzig eine Broschüre unter dem Titel: Beschreibung der Schlacht bei Maciejowice, von einem polnischen Edelmanne, einem Augenzeugen und Ordonnanz- Offizier des General Kosziusko. Dies war das Werk Glinka's, der nach beendeter Schlacht erwacht, sich nach Sachsen geflüchtet. Er zeigte seine Stirnwunde, als ob er sie bei der Vertheidigung seines Generals erhalten. Was Berko betrifft, so erhielt er nach mehren Monaten Krankseins seine Kräfte wieder und nahm an allen Kämpfen, die Polen, um seine Unabhängigkeit wieder zu erlangen, unternahm, Theil. Endlich unterlag er, die Waffen in der Hand, als er Kock, seine Vaterstadt, gegen die Angriffe der Oesterreicher vertheidigte. Sein Name ist gesegnet, sein Gedachtniß geehrt sowol von den polnischen Katholiken, als von den polnischen Israeliten. . . . Jur Jahre 1829 hielt sich der Schreiber dieser Novelle bei der Durchreise durch Kock in selbiger Stadt kurze Zeit auf, um dort Alles, was sich auf unfern berühmten Israeliten bezieht, zu sammeln. Der Name Berko war Ln jedem Munde. Die reichen sowie die armen Juden, die jungen wie die alten, sprachen von ihm mit Stelz und Hochachtung; selbst diejenigen, die ihn bei seinem Leben getadelt, zollten ihm nach seinem Tode den aufrichtigsten Tribut der Bewunderung. Die Juden, gewöhnt an ihr schwarzes Kleid, ihren breiträndrigen Hut, waren erstaunt und erfreut, einen ihrer Brüder in Obristen-Uniform, geschmückt mit dem Ehrenkreuz, geehrt und geachtet von den hochgestelltesten Männern, zu sehen; Jedermann erzählte mir, wie er so tapfer gewesen; Einer zeigte mir die Stelle, wo er gefochten, ein Andrer den Ort, wo er von den zehnmal zahlreicheren Oeflerreichern niedergemetzelt worden. Ich wollte nach dem israelitischen Gottesacker gehen, um sein Grab zu besuchen; der Greis, der mich führte, lächelte, indem er sagte, daß ich dort keine Spur von der Stelle, wo seine sterblichen Ueberreste aufbewahrt seien, finden würde. Ich war davon schmerzlich bewegt: es that mir weh, daß ein so vorzüglicher Mann kein Denkmal erhalten. Wenn Dankbarkeit nicht dem ersten israelitischen Patrioten ein Grabmal errichtet, so hätte doch eine weise Politik ein so edles Beispiel belohnen sollen. Aber bald machte dieser peinliche Eindruck einem ganz andern Gefühle Platz. Derselbe Greis zeigte mir zwei Kirchhöfe, einen katholischen und einen israelitischen; zwischen diesen beiden Trauerplätzen bemerkte man einen von Menschenhänden geschaffnen Hügel. „Hier," sagte er, „ruht Berko, und diese Erhöhung ist das Werk der Dankbarkeit von Seiten der Einwohner." Als Berko getödtet worden, fuhr er fort, kam der Rabbiner und alle Juden, um den Körper mit sich zu nehmen und ihn auf den Gottesacker, wo sein Vater, seine Mutter und seine Voreltern ruhen, zu bringen; aber die Priester und Katholiken liefen auch herbei, sagend, dies sei ein Pole, ein Vaterlandsfreund, und daß er an dem den Tapferen bestimmten Orte beerdigt werden müsse. Die Juden ihrerseits bestanden darauf, ihre religiösen Pflichten gegen denjenigen, der ihrem ganzen Stamme Ehre machte, zu erfüllen; die Polen beharrteu dabei, daß einer ihrer tapfersten Obristen mit den übrigen Helden und Märtyrern zusammen bestattet würde. „Er war ein Jude, Einer der Uusrigen," riefen die Israeliten. „Er war Obrist, ein braver Offizier," erwiederten die Katholiken. Von Worten kam man zu Thätlichkeiten: die Juden ziehen am Leichenwagen von der einen Seite, die Katholiken von der andern; es kommt zu einem heißen Kampfe, das Gefecht verlängert sich, Blut fängt an zu fließen; die

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