Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1846)
- Date
- 1846-05-18
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
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' Auf ihrer Stirn die Adern glüh'u, Sie läutet zum Gerichte. O eilt, ihr Christen, eilt herbei. Streift ab der Juden Bande, Auf daß der Richt'rin Unheil sei: Einst war es eine Schande! Auszüge. Der Kampf auf einem Grabe. Geschichtliches EreLgniß aus dem Polen kriege. (Nach dem Französischen des Zean Czyrrski.) (Schluß.) V. „tteberzeugt, daß meine Anwesenheit eine Bürde für meine ganze Familie sei, beschloß ich zu reisen. Ich durcheilte Deutschland und Frankreich; ich sah meine Glaubensbrüder in den zivilisirten Ländern und bemerkte, daß ihr Wohlstand, ihre Geistesbildung, ihre Nützlichkeit mit den Graden der Freiheit, die sie genossen, in Einklang standen. Die Strahlen der Zivilisation erwärmen unser Volk; es in eine welke Pflanze, die der erste Regentropfen belebt und wieder ausrichtet. Deshalb nahm ich mein Unglück für von der Vorsehung geschickte Prüfungen, meinen Schmerz für einen Sporn, der mich zu meiner großen Aufgabe anfeuerte. Gleichgültig für die Meinigen, machte ich meine Rcligionsbrüder zu meiner Familie; ihre Verachtung, ihre Leiden, ihre Verfolgungen und ihre Duldung flößten mir ein solches Interesse ein, daß ich mich freiwillig zu ihrem Vertreter machte. Tag und Nacht dachte ich an die Mittel zu ihrer Emanzipation, studirte ich ihre Geschichte und dir der Länder, die sie bewohnt haben. Ich überzeugte mich, daß Polen ein Recht an unsere Dankbarkeit habe, Dank sei's Kasimir dem Großen, der den verbannten und verfolgten Juden einen Zufluchtsort und gastliche Aufnahme gestattete. Sie begreifen jetzt, mein General, weshalb ich Ihnen bei dem ersten Kriegs^ und Zreiheitsruf meine Dienste und die von dreihundert meiner GlanbenSbrüder angeboren habe, die gesonnen sind, durch ihren Muth und ihre Hingebung die Aufmerksamkeit einer großmüthigen Nation auf ihre Glanbensgenossen, die beim ersten Hauche der Unabhängigkeit dem gemeinsamen Vaterlands bedeutende Dienste zu leisten im Stande sind, auf sich zu ziehen/' Während der ganzen Dauer dieser Erzählung drückte das Gesicht Kosziusko's eine tiefe Sympathie für die Leiden Berko's aus; öfters belebte sich des Generals Auge, seine düstere Stirn erhellte sich, eine äußere Freude strahlte auf seinem edeln Antlitze; dies war wenn seine Einbildungskraft ihm einen Sieg in Anssicht stellte, wenn ein vollständiger Triumph ihm die Mittel bieten würde, mehre Millionen Einwohner einer grausamen Lage zu entreißen. Dann gab er die Opfer des Aberglaubens und die Märtyrer des 18. Jahrhunderts dem Leben wieder, er eröffncte ihnen ein weites Feld der Ehre, der Arbeit und des Ruhmes, er führte sie der Menschheit, der Religion und Gott wieder zu. Die Mission Kosziusko's wuchs in seinen eignen Augen; er verstand die wahre Bedeutung des erhabenen Wortes „Freiheit", er fühlte, daß dieser Titel des Ruhmes nur der Nation angehöre, die all ihren Mitbewohnern einen gleichen Schutz, eine gleiche Gerechtigkeit bewilligt. Als der Obrist seine Lebensgeschichte schloß, drückte er ihm herzlich die Hand, indem er sagte: „Braver Berko, Du hast viel gelitten; aber bitte Gott, daß er uns den Sieg verleiht, und Du wirst noch glückliche Tage erleben. Die Zeit der Sühne ist vorüber; für euch Israeliten ist der Augenblick gekommen, eure gebeugte Stirn zu erheben. Ich werde mein ganzes Leben dazu anwenden, euch eine neue Laufbahn zu eröffnen, Du wirst mir helfen und mich leiten in der Ausführung dieses großen Werkes." Der Obrist Berko hatte kaum seine Leidensgeschichte dem Kosziusko zu erzählen beendet, als ein entfernter Flintenschuß, dem immer mehre folgten, den General erinnerte, daß es Zeit sei, sich an die Spitze der Bcfreiungsarmee zu stellen. Laßt uns sehen, was Glinka während der.Erzählung Berko's gemacht. Immer, wenn es sich um seine Selbsterhaltung handelte, fehlte es unserm Edelmann nicht an Scharfsinn und Unheil; er begriff sogleich, daß der Vorschlag Berko's sowol sein Leben als seine Ehre auf's Spiet setzte. Er mußte sich, um nicht feige zu erscheinen, auf die erste feindliche Kolonne werfen und ihr ihre Fahne und ihren zweiköpfigen Adler entreißen. Die russische Standarte war wohl vertheidigt, von Kanonen umringt, und von erprobten Soldaten gehütet. Wie konnte demnach ein patriotischer General ein so sonderbares Duell gut heißen? Der erste Gedanke, der Glinka kam, war, Kosziusko als Vaterlandsverräther zu proklamiren, eine Verschwörung zu bilden und einen neuen Obergeneral zn wählen; aber