Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1846)
- Date
- 1846-05-18
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
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303 nutzt werden, ist gewiß höchlich zu billigen; denn es ist z. B. aus der einen Alltags-Schemona-Essreh, gut aufgefaßt, mehr Religion zu erlernen als aus zehn dicken und langweiligen Schulbüchern. Es ist zum Erstaunen, wie wenigen Nutzen die meisten Lehrer aus diesen, die Gemara und zum Theil sogar die Mischna an Alter übertreffenden, von allem spätern Schnörkelwerk so freien, Gebeten zu ziehen wissen *). So legt denn der Tempel immer mehr den Charakter eines Instituts für den beau monüe ab und geht in den einer Volksanstalt ein. Was ist auch ein religiöses Institut, das nicht auf's Volk, auf die große Familie berechnet ist, nicht aus seine Gewohnheiten und Bedürfnisse eingeht? Neue Kultusformen von objektivem Werth zu erzeugen, dazu ist wahrlich unsre Zeit nicht befruchtet. Man sehe nur, ob die bei uns neuen Konfirmationen, Leichen- und Traureden im Volksleben irgend Wurzel schlagen! Es war daher hohe Zeit, daß die Leiter des Tempels dieses einsahen, und wir können im Hinblick hierauf uns eine gewisse Beruhigung nicht versagen, wenn wir den Zustand der gesummten hiesigen Judenschaft mit dem anderer großer Gemeinden vergleichen. Da sind die Frankfurter mit ihrer Symbolstürmcrei, die Berliner mit ihrem Neben-Sabbat. Da sind die Breslauer, bei denen Herr Geiger mit aller Gewalt das Ziel verfolgt, sein geliebtes neues Rabbinerthum recht verächtlich zu machen! Da ist Herr Adler in London, ein Mann, der sich noch nie durch das Geringste bekannt gemacht hat, als durch seine starre Intoleranz in Religionssachen, und über den man sich keineswegs wundern darf, wenn er sein Handwerk jenseits der Nordsee fortsetzt. Die platteste aller jüdischen Zeitungen, die Voico ok Jacob, müssen wir bei dieser Gelegenheit belehren (wenn sie anders Belehrung verlangt), daß sie mit ihren Berufungen auf die Orthodoxen in Deutschland völlig fehl geschossen hat; denn wenigstens unter den hiesigen Altgläubigen ist kein Einziger, der nicht Adler's Verfahren in der bekannten Sache mißbilligt und verabscheut. Auch wollen wir jenem Blatte bemerklich machen, daß seine *) Bitte um Belehrung. Bei Einsetzung des Vaterunsers sagt Jesus: „Plappert beim Gebete nicht viel, wie die Heiden." Was sind das für vielbetende Heiden, die damals den Juden in Palästina dieses Beispiel gegeben haben? Korresp. den anglikanischen Theologen nachgcahmten Sticheleien auf das „deutsche Judenthum" ebenfalls völlig verlorne Mühe sind; denn wenn es als Axiom gilt, daß ein englischer Hoch-Tory noch immer zehnmal liberaler ist als ein deutscher Demagog, so denkt umgekehrt ein deutscher Orthodoxer noch zehnmal freier als -ein englischer Reformer. Und das entsteht wol zum Theil, aber nicht ganz und gar, aus der großem Sachkunde bei den Deutschen. — Weit prägnanter, und vielleicht das wichtigste Moment der wahren Ausbildung bei den Juden ist aber der Umstand, daß das Leben der altgläubigen Juden Deutschlands bongre malgre schon längst ausgehört hat, den Charakter der „starren, willenlosen Gebundenheit" zu tragen. Der Orthodoxe sieht es alle Tage, daß kein Donnerschlag seinen Nachbar, der am Pcsach Brot gegessen, oder am Jom Kippur getrunken hat, in seinen Sünden dahinrafft, und so wird er sich klar bewußt, daß alle seine Observanzen, alle seine Entbehrungen freiwillige Hingebungen und Opfer sind, denen er jeden Tag entsagen kann, es aber aus innigen Gründen nicht will. Ob das Gemüth, ob die Gesinnung da veradelt werden? Das werden ja wol auch die zugeben, die so großmüthig sind, die „Berechtigung" der Altgläubigen, wenn sie nur völlig unbeweglich auf ihrer Stelle bleiben, gütigst „anzuerkennen". Ein nichtswürdiger Bericht über die Beschncidung eines Kindes aus der berliner Reformgenossenschaft hat aus der Schlesischen Zeitung seinen Weg in hiesige Blätter gefunden und vom vr. Frankfurter ein derbes Dementi erhalten. Man ist nicht im Stande zu unterscheiden, welcher Gattung ehrloser Motive jener Lügenbericht sein Dasein dankt. Aber welcher Mittel bedienen sich diese Parteimänner! An unsrer — der Judenheit — Gesammtehre ist ihnen Allen nicht das Mindeste gelegen! Darmstadt, 26. April. (Fr. I.) Wie wir vernehmen, so war unlängst eine Deputation von Lauterbach hier, um die Rechte dieser Stadt in Betreff der Aufnahme von Israeliten in den Gemeindeverband bei dem Ministerium des Innern und der Justiz gegen versuchte Beschränkungen gehörig zu wahren und für die Zukunft sicher zu stellen. Die Veranlassung ist die der Stadt Lauterbach von der Regierungsbehörde angemuthete Rezeption eines Jsrae-