Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1846)
- Date
- 1846-05-11
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
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298 „Es handelt sich um nichts Geringeres als um das Geheimniß Deines Herzens. Man erzählte mir, daß Du die Hand des Herrn von Glinka verweigertest.Aber ich schäme mich vor mir selber! Wie konnte ich auf eine solche Beschuldigung die Hauptstadt und meine Geschäfte verlassen. — Mit einem Worte denn, man hat mich versichert, Du liebtest — einen Juden." Johanna, statt zu antworten, schlug ein lautes Gelächter auf. „Du lachst und Du hast recht, aber merke wohl, der Beschuldigung fehlt es nicht an Geschicklichkeit. Man nannte mir enien jungen Juden, der um deinetwillen seinen Kaftan und seinen breiten Hut weggeworfen, der unsre Sprache erlernt hat, und ich erinnere mich, daß wir gerade demselben es zu verdanken haben, daß wir einem vollständigen Banqueroute entgangen sind. Woher kommt diese Verwandlung bei einem Israeliten, und diese Großmuth bei einem Feinde unsres Glaubens?" „Es war zu meinem Amüsement, mein Vater," erwiederte Johanna mit einer schrecklichen Naivetät. „Das Leben in Konary, trotz allen Annehmlichkeiten, die das Landleben verschafft, ist zu einförmig für mich. Ich nahm mir vor, es durch einige Zufälligkeiten zu vermannigfaltigcn. Ich begegnete im Walde einem jungen Wolf, ich ließ ihn ergreifen und zähmte ihn. Ein Geier ließ sich in unserm Garten nieder, ich ließ ihn fangen und machte einen Begleiter auf meinen Spaziergängen aus ihm. Am Rande des Parkes empfängt jetzt ein Eichhörnchen, das Anfangs bei meiner Annähertlng entfloh, seine Nahrung aus meiner Hand. Erstaunt über diese Wunder, wollte ich versuchen, ob ich nicht die Natur eines Wesens, aus einer Nation entsprungen, die sich die allgemeine Verachtung zugezogeu hat, verändern könnte, und es ist urir vollkommen gegluckt; aus einem Wilden habe ich ein zivilisirtes Wesen gemacht; ans einem Inden bemal) einen Menschen." Berka trocknete sich, als er diese Worte Johanna's wiederholte, den kalten Schweiß von der Stirn, der Gedanke allein an diese Szene machte ihn beben. Was mußte erst in seiner Seele in dem Augenblicke, wo er Johanna kennen lernte, Vorgehen! Der liebende Mann, der den Gegenstand seiner Liebe vergöttert, glaubt nicht leicht an die Treulosigkeit, an die Bosheit und Heuchelei derjenigen, die er anbetet. „Ich glaubte, daß die Furcht vor dem Zorne ihres Vaters Johanna zur Verheimlichung zwange, aber das was sie hinzufügte öffnete mir die Augen und ließ mich mein Unglück in seiner ganzen Tiefe übersehen." „Sie scheinen an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln, mein Vater, und Sie fürchten wirklich, daß befriedigt von meinem Werke, ich dem Gegenstände, den ich umgeschaffen, zugethan geworden wäre. Enttäuschen Sie sich und seien Sie mein Vertrauter. Sie wollen mich verheirathen, mein Later?" „Ja, Johanna, das ist mein Traum, das würde mein Glück sein." „Sie haben mir versprochen, mir freie Wahl Ln Bezug auf mein Her; zu lassen?" „Vorausgesetzt, daß diese Wahl Deiner und Deines Vaters würdig sei." „Ist das Haus Zawiska nicht mit den ersten Familien Polens verwandt und weiß der junge Erbe dieses Namens nicht das Wappen seiner edeln Familie würdig zu schätzen?" „Du sprichst von Arthur, der sich in der letzten Schlacht ausgezeichnet?" „Er liebt mich, er erwartete mit Ungeduld Ihre Rückkehr, um Sie um meine Hand anzusprechen." „Aha! der junge Herr jagte auf meinem Grundbesitz während ich abwesend war, und was wird er sagen, wenn er die Geschichte mit dem Juden erfährt?" „Er wird darüber lachen, mein Vater, denn er war mein Vertrauter, und er belobte meine Erfolge." Hier hielt Berko einige Augenblicke Lnne. Die Erzählung dieser Unterredung hatte seine Kräfte erschöpft. „Sie entsinnen sich, mein General," fuhr er nach wenigen Minuten Schweigens fort, „daß ich einen Dolch bei mir trug. Bei den letzten Worten Johanna's war ich nicht mehr Herr meiner Wuth, ich ergriff die Waffe, ich wollte die schwache Scheidewand, die mich von dem Herrn von Konary und seiner Tochter trennte, durchbrechen. Ich war im Begriff an der Bretterwand zu rütteln, als meine Mutter mich beim. Arme ergriff, mit einem Blicke voll Feuers, wie ihn eine religiöse Begeisterung und die Erfüllung einer heiligen Pflicht verleiht." „Unglücklicher," rief sie, mich zurückhaltend, „willst Du feige genug sein, lim Deinen Eid nicht zu halten? Du willst Tlch rächen oder Dich tobten und vergißt, daß von jetzt an Dein Leben Dir nicht mehr gehört? Du glaubtest au einen Enget: mit der göttlichen Hülfe habe ich Dir bewiesen, daß dieser Engel ein Teufel ist. Dafür hast Du mir geschworen, daß Du diejenige, die wir für Dich gewählt, heirathen willst; Du wirst Dein Versprechen erfüllen, denn das Leben Deines Vaters hängt davon ab,