Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1846)
- Date
- 1846-05-11
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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297 Auszüge. Der Kampf ans einem Grabe. Geschichtliches Ereigniß aus dem Polenkriege. (Nach dem Französischen des Jean Czynskr.) (Fortsetzung.) IV. „Die Zeit eilt dahin, General, ich muß meine Erzählung abkürzen," sagte Berko, einen Blick auf die verbleichenden, den nahenden Tag verkündenden Sterne werfend. „Ich werde Ihnen nicht die Bewegungen meines Gemüthes auf dem langen Wege, den wir bis Konary zurückzulegen hatten, schildern. Meine Mutter und ich beobachteten das tiefste Stillschweigen. Ich drückte den Dolch, den ich gewöhnlich bei mir trug, fest an meine Brust. Ich weiß Ihnen nicht zu erklären, welches Gefühl mich trieb, meine Hand an diese Waffe, die mich entweder rächen, oder meinen Leiden ein Ende machen sollte, zu legen. Der Weg bis Konary schien mir unendlich, und die Zeit ewig; ich zitterte vor der Entwickelung, und doch verlangte ich Johanna zu sehen und zu hören, um zu erfahren, ob sie ein Engel oder ein Teufel sei. Endlich langten wir an. Der Wagen hielt einige Schritte vom Schlosse. Meine Mutter führte mich einen abgelegenen Pfad, in das Innere einer kleinen Hütte, welche von der Wohnung des gnädigen Herrn durch eine schwache und dünne Bretterwand getrennt war, durch die man bequem die dort gesprochenen Worte vernehmen konnte. In die Bretter angebrachte Löcher ließen das da Vorgehende erblicken, ohne daß man ahnte, daß ein Ohr es hören oder ein Auge es sehen könnte. Später erfuhr ich, daß meine Mutter diese Hütte blos in der einzigen Absicht, mich zum Zeugen einer Szene zu machen, die die Entscheidung meines Lebens herbeiführen sollte, von einem Schloßbedienten gekauft hatte. Durch Vermittelung desselben Bedienten benachrichtigte sie Johannas Vater von der Liebe, die seine Tochter mir eingeflößt, und eine Erklärung und einen Ausbruch zwischen Vater und Tochter voraussehend, hatte sie die Begebenheiten so richtig berechnet, daß wir gerade in dem Augenblicke, wo die Angeklagte vor ihrem Richter erscheinen sollte, anlangten. „Vernimmst Du das Geräusch?" fragte mich meine Mutter. „Ja," erwiederte ich, „das sind die Bedienten des Herrn von Konary." „Und stehst Du was sie im Inner« des Saales vornehmen?" „Sie ordnen und entkleiden die Meubles, als wenn ihr Herr erscheinen sollte." „Er wird bald erscheinen, und du wirst sowol ihn, als auch diejenige, die den Kampf in unsre Familie geworfen, hören." In der That, kaum waren einige Minuten verstrichen, als das Geräusch aufhörte und ich leichte Schritte vernahm, die mich erbeben machten. Mein Herz errieth die Gegenwart Johannas. Sie trug dasselbe weiße Kleid, in welchem ich sie das erste Mal gesehen. Ihr etwas blasses Gesicht gewann an Ausdruck, was es an Frische verlor. Sie setzte sich auf einen Divan, ihre Blicke auf die Thür, durch welche die von ihr erwartete Person eintreten sollte, gerichtet. Indem ich sie betrachtete konnte ich nicht annehmen, daß ein Mädchen, das Gott mit so vielen Reizen begabt hatte, ein kaltes, betrügerisches Herz verbergen könne. Ich warf einen vorwurfsvollen Blick auf meine Mutter, wegen ihrer schrecklichen Anklage, aber sie betete und sah mich nicht an. Plötzlich wurden die Saalthüren mit Geräusch geöffnet. Ein Bedienter meldete die Ankunft des Herrn von Konary. Johanna stand auf und eilte ihm entgegen, aber ihr Vater stieß sie mit Härte zurück und redete sie mit zusammengezogenen Braunen und mit vor Zorn glühenden Augen an. „Was ist denn in meiner Abwesenheit vorgefallen, Fräulein, auf daß ich benöthigt bin Warschau zu verlassen, wo mich Geschäfte von der höchsten Wichtigkeit fesselten, und in aller Eile mich hierher zu begeben?" „Ich weiß es nicht," erwiederte Johanna traurig aber mit Ruhe und Würde, „wodurch ich diesen für mich so schmerzlichen Empfang verdient habe, aber ich kann Sie versichern, mein Vater, daß Ihre Tochter nichts gethan, nichts gesagt, nichts gedacht hat, was Ihren Zorn verdiente." Ihr Vater betrachtete sie stillschweigend. Ihre Schönheit, ihre Sanftmuth zwangen ihn dazu; er öffnete ihr seine Arme und umschloß sie mit Zärtlichkeit. „Was hatten Sie denn soeben vor," fragte Johanna, „welcher Verleumdung haben Sie Gehör gegeben und wer hat Sie an Ihrem Kinde zweifeln machen?" „Ich war unvernünftig," erwiederte der Greis, „ich habe einer abgeschmackten Thorheit Glauben geschenkt, ich habe für Augenblicke an eine Unmöglichkeit geglaubt." „Darf man den Schlüssel zu diesem sonderbaren Ge> heimniß erfahren?" 20*