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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-05-04 · Heft 19 (4.5.1846) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 19 (4.5.1846)
Date
1846-05-04
Page
Seite 286 (sequence 14)
Language
German
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286 nem Geschöpfe zu weihen. Unmöglich, General, können Sie sich den Schwerz, der mein Herz zerriß, und die tollen Gedanken, die Lu meiner Seele wogten, vorstelle». Einmal zweifelte ich an der Vorsehung; ein andermal dachte ich, daß sie mir eine große Mission auferlegt. Wenn Gott mir eine heilige Liebe für ein katholisches Mädchen cingeflößt hat, sagte ich zu mir, so will er dadurch alle Hindernisse, die die Kinder der großen Menschenfamilie trennen, hinwegraumen. Ich vergrub mich in heilige Bücher und fludirte die Evangelisten; ich ersah, daß Christus die Nächstenliebe gebot, wie sie Moses im Namen des Ewigen vorgeschrieben. Jede religiöse Kluft, die die Menschen trennt, jeder Haß, der die menschlichen Herzen vergiftet, alle Vorurtheile, die die Wahrheit verdunkeln, maß ich dem Ehrgeiz der Priester, die sich der Uebung des Gottesdienstes bemächtigt hätten, bei. Ich empörte mich daher sowol gegen die Priester als gegen die Rabbiner; ich beschuldigte sowol die Einen als die Anderen des Mißbrauches des heiligen Namens der Religion zum Bortheil ihrer irdischen Interessen; bald lächelte mich der Beruf eines Apostels und Propheten an, bald bewaffnete die Verzweiflung meinen Arm, um den Gott der Liebe und der Einheit, den seine Verkünder in einen Gott des Haffes und der Theilbarkeit umgeschaffen, zu rachen. Einmal wollte ich in den Synagogen predigen, dann wieder nach Rom gehen und die Märtyrerpalme erringen. Das Fieber, das meine Seele verzehrte, brach auch meinen Körper: ich brachte drei Monate im Bette zu, den inneren Leiden und dem Irrsinn anheimgegebcn, von denen die geschicktesten Aerzte nichts begreifen konnten. Meine Mutter allein belauschte meine geringsten Wendungen, beobachtete meine Geberden, meine Worte und errieth den wahren Grund meiner Dualen. Ich vergaß ihnen zu sagen, General, daß mein Vater mich schon seit langer Zeit mit der Tochter eines warschauer Bankiers verheirathen wollte. Je älter er wurde, je mehr wünschte er in seinen Kindern wieder zu erblühen; das war der einzige Wunsch, der einzige Trost seines Alters. Meine Weigerung machte ihn unglücklich, und meine arme Mutter suchte alle Mittel hervor, um ihren Mann zu trösten, und um ihren Sohn zu retten, den sie am Rande eines Abgrundes glaubte. „Mein Kind," sagte sie mir eines Tages, „Du bist, ohne es zu ahnen, die Ursache der Verzweiflung Deines Vaters. In ein vernünftiges Alter gelangt, bist du nicht verheirathet, bist Du verloren für Deine Familie, und wenn dies so fertdauert, so hast Tu den Tod dessen, der dir das Leben gegeben, Dich erzogen und Zeit seines Lebens für dich gearbeitet hat, zu verantworten." „Theure Mutter," erwiederte ich, „ich fühle keinen Beruf zur Heirath in mir; die Frau, die ich heirathen würde, würde unglücklich sein!" „Berko, die ganze Welt, selbst Deinen Vater kannst Du täuschen, aber dem Herzen Deiner Mutter, die das Geheimniß Deines Lebens entdeckt hat, kannst Du die Wahrheit nicht verbergen. Du liebst ein adliges Mädchen das Deiner spottet; für sie hast Du Deine Tracht und unsre Sprache vertauscht; um ihretwillen wirst du die Ursache des Todes Deines Vaters; um ihretwillen wirst Du den Gott Israels verlassen." „Niemals, meine Mutter, niemals!" „Die Krankheit, die Du so eben erduldet, beweist, daß Dein Körper nicht mit Deiner Seele zu kämpfen fähig ist. Noch einiges Lächeln, einige treulose Worte, einige verratherische Blicke, und die Tochter des gnädigen Herrn von Konary macht Dich zu einem Meineidigen. Du wirst Deine Familie und Deine Religion verleugnen." Ich wollte meine Mutter unterbrechen, aber sie gebot mir Stillschweigen. Ihr Ton hatte etwas Feierliches, das mir in die Tiefe der Seele drang. Man las in ihren Blicken den Entschluß einer Frau, die ein wichtiges Vorhaben wohl überlegt hat. Wenn Du eine Katholikin liebtest, die Dir Liebe für Liebe schenkte, die Deine Achtung und Bewunderung verdiente, so würde ich es als ein von Gott geschicktes Unglück ansehen; ich würde Dich beklagen, indem ich zu Gott betete und mich seinen Bestimmungen unterwürfe; aber Deine Augen sind verblendet, Dein Herz gemißbraucht, Dein Geist verwirrt; Du liebst eine Frau, die Dich verachtet und Deiner spottet. Unterbrich mich nicht. Dieselbe, die Dein Geheimniß zu entdecken gewußt, hat auch das Herz des jungen Mädchens zu ergründen verstanden." „Das ist unmöglich!" rief ich, von meinem Stuhle aufspringend. „Ich werde Dir den Beweis davon geben," erwiederte mir meine Mutter, „aber unter einer Bedingung." Einerseits von der Wuth einer verrathenen Liebe verzehrt, andererseits hoffend, daß dies nur eine unschuldige Erfindung, um in meinem Herzen die Achtung vor Johanna zu ersticken, sei, verlangte ich um jeden Preis die Wahrheit zu erfahren. „Versprich wir, daß Du, wenn Du einmal von Seiten

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