Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1846)
- Date
- 1846-05-04
- Page
- Seite 285 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225463--07722-3238496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 doppelten Charakter der Ironie und der Güte beibehielt; sie schien eines Juden, der ein edles Schloßfräulein zu lieben wagte, zu spotten, und hatte Mitleid mit einer unglücklichen Leidenschaft, die ihre Schönheit eingeflößt hatte. Ich durchdachte die Worte, die sie zu mir gesprochen: sie würde niemals einen Mann, der meine Kleidung trug, heirathen. Der Gedanke der Heirath war ihr also doch gekommen. Sie ließ einen Gedanken zu, den ich selbst nicht zu denken wagte. Die Kleidung macht das Hinderniß, dachte ich. Seit diesem Augenblick wurde der Kaftan geopfert, und wie sehr sich mein Vater und meine Mutter auch darüber grämte», ich hatte für Johanna ein anderes Kleid als für meine Familie. Ich kehrte oftmals an den Ort zurück, wo ich das Glück hatte, zum erstenmale von der Tochter des gnädigen Herrn von Konary angeredet zu werden. Ich wußte, daß Johanne mich in der polnischen Bürgertracht sah. Einstmals rief sie mich herbei, um mir zu sagen, daß sie Alles, was ich für ihre Familie gethan, zu würdigen wisse. Ich erwiederte ihr, daß es ein Glück für mich sei, ihren Beifall zu besitzen. Ich glaubte, daß sie diesmal ihr ironisches Lächeln unterlassen würde, allein ich täuschte mich, sie hielt mich dessen nicht würdig. „Ihr habt Eure garstige Tracht abgelegt," sagte sie zu mir, „das ist gut; aber Euer Akzent verräth Euch, Ihr macht im Polnisch-Sprechen Fehler: was würde meine Familie dazu sagen, wenn ich meine Hand einem Manne böte, der seine Gefühle nicht einmal in seiner Landessprache auszudrücken verstände?" Und wie das erste Mal eilte sie von dannen. Als Sie mich im Walde von Konary trafen, nicht wahr, General, da bemerkten Sie an mir keinen besondern Akzent, noch die den Juden in unsrer Landessprache gewöhnlichen Fehler?" „Das ist in einem Grade wahr," erwiederte KoSziuSko, „daß ich nicht glauben wollte, daß Sie Israelit seien." „Aber wrnn Sie wüßten, was für schlaflose Rächte ich zubrachte, um Ihre ersten Schriftsteller kennen zu lernen, was ich mir für Mühe gegeben, um meinen Akzent zu vergessen, um die der hebräischen Sprache fremden Töne zu erlernen! Aber was gäbe es für eine Schwierigkeit, für ein Hinderniß, das ich nicht beseitigt hätte, um mich Johannen zu nähern! In einem Zeitraum von sechs Monaten war ich selbst erstaunt über meine Fortschritte; ich verstand die Gedichte von Krasicki, von Karpinski und versuchte selbst einige Hymnen an die Königin meines Herzens zu dichten. Ich entsinne mich fast noch des Inhaltes meiner ersten Poesie; sie war ein Vers folgenden Gedankens: „Der König Kasimir der Große, aus einer niedrigen Jüdin machte er eine Königin: warum Du, Königin der Anmuth, der Schönheit, könntest Du nicht durch die Macht Deiner Reize bis zu Deinem Thron den Demüthigsten der Sterblichen erheben?" Ich schrieb dies auf das Beste, und legte das Papier auf den Rasen, über den sie gewöhnlich schritt. Oh! wie mein Herz bei ihrem Rahen pochte! wie meine Augen dem Ausdrucke ihres Antlitzes folgten! Ich sah von der Ferne dasselbe ironische Lächeln und dasselbe Mitgefühl. Sie wußte, daß ich da sei; sie wußte, daß ich meinen Reim nicht liegen ließ, ohne darüber zu wachen. Indessen sah sie sich nicht nach mir um. Rach einigen Minuten Schweigens, das mir ewig zu währen schien, rief sie mich und sagte mit Schmerz: „Berko, ich bin Katholikin; wißt Ihr nicht, daß der Unterschied unserer Religionen sich unsrer Vereinigung entgegcnflellt?" Hier stieß der polnische General einen Seufzer aus. Kosziusko's Herz verstand den ganzen Schmerz des Israeliten, und sein Geist umfaßte mit einem Augenblick die ganze Kluft, die die Kinder der verschiedenen Religionen trennt. Er sah, daß es leicht sei, die Trachten zu ändern, den Bewohner des Landes die Nationalaussprache beizubringen; die Aufgabe werde aber schwieriger, wenn es sich darum handelte, einen Mann und eine Frau, in zwei sich so entgegensiehenden Religionen erzogen, zu vereinigen. „Und was beschlösset Ihr, Unglücklicher?" fragte er Berko, der einen Augenblick in seiner Erzählung inne gehalten. „Ach ja, mein General, das Wort „Unglücklicher" ist da an seinem Platz. Ich blieb wie ein vom Blitz Getroffener stehen. Nachdem ich meine Tracht verändert, nachdem ich ein gutes Polnisch gelernt, hatte ich mich nur einem Gedanken, der das Ziel meines Lebens, das Ideal meiner Träume ausmachte, hingegeben. Ich glaubte, Alles sei mir möglich, und daß die Hand Johannas eines Tages die Belohnung aller meiner Anstrengungen sein würde. Diese Worte: „ich bin Katholikin," zeigte mir klar meine wirkliche Stellung: ich begriff, daß ein trübes Verhängniß mir einen Schatz gezeigt, den ich nicht erlangen könnte, das Paradies, in das mir der Eingang verboten wäre. Was will sie? fragte ich mich. Daß ich den Glauben meiner Väter verlasse, daß ich Gott vergesse um mich sei-