Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1846)
- Date
- 1846-05-04
- Page
- Seite 283 (sequence 11)
- Language
- German
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283 Stuttgart, im April. (Privatmitth.) Der dritte Jahresbericht über das israelitische Waisenhans „Wi-lhclmspflege" in Eßlingen seit ihrer Gründung klagt über ökonomische Sorgen, welche die gegenwärtige Zeit der noch schwach fundirten Anstalt bereitet. Für die Leistungen der Anstalt gab die zur Feier des Geburtsfestes Sr. Mas. des Königs vom Ausschuß angeordnete öffentliche Prüfung ein schönes Zeugniß, worauf der Vorstand des Vereins, Dr. Dreifuß, einen Vortrag hielt, worin dem Hausvater, Herrn Lehrer Liebmann, gebührendes Lob gespendet wurde. In den 14 Jahren des Bestehens dieses Vereins sind 75 Kinder verpflegt, und zum großen Theile als fleißige, thätige Menschen ihren Verwandten und Gemeinden zurückgegeben worden. Heuer wurden für die ausgetretenen 7 Kinder 5 ausgenommen. Das rührende Beispiel vieler großartigen Unterstützungen entzündet, vom Throne ausgehend, noch immer auch in den geringsten Dörfern Württembergs den Wohlthätigkeitssinn für dieses Institut. Von allen Seiten, auch von Christen, strömen Liebesgaben herbei *). Möge diese Anstalt immer mehr ihrer hohen Aufgabe entsprechen und Segen verbreiten über die entfernte Nachwelt! Mergentheim. Viel Aufsehen macht bei uns die am jüngsten Purim stattgesundene Störung des Gottesdienstes durch das hiesige Oberamtsgericht, welches auf die Aussage eines Knaben, daß er eine gestohlene goldene Uhr an einen Juden in Edelsingen um 24 Kr. verkauft habe, sich nicht scheute, mit dem kleinen Diebe in Begleitung von Gerichtspersonen wahrend des Gottesdienstes in die Synagoge einzudringen, um den verbrecherischen Käufer hcrauszusuchen, den der Bube beim Wiedersehen erkennen zu wollen vorgab. Die Nachforschung war übrigens vergeblich, indem der freche Bube nachher eingcstand, daß er die Uhr gar nicht verkauft, sondern vergraben habe. Herr Oberamtsrichter Herrmann hat hiedurch einen im Staate öffentlich anerkannten Kultus gestört und alle Achtung vor dem Gottesdienste außer Acht ge- *) Wenn man zum Aktivvermögen von 8432 Fl. 30 Ya Kr. den Werth des Hauses sannnt Garten und innerer Einrichtung von ungefähr 16,100 Fl. rechnet, so würde sich das Vermögen der Wilhelnispflcge auf den 1. September 1845 auf 24,532 Fl. 30 Kr. belaufen. lassen, was gegen einen strengen Artikel unseres Strafgesetzbuches anstößt. Es ist nur unbegreiflich, wie das Kirchenvorsteheramt zu Edelfingen, das orthodoxe Mergentheim und vollends der hiesige Rabbiner diese Störung ruhig mit ansehen und eine Beschwerde beim Gerichtshof unterlassen können. Derselbe Oberamtsrichter hat sich übrigens schon einmal durch eine voreilige Verhaftung eines israelitischen Buchhalters in D.ch., dessen Unschuld bald sonnenklar sich herausstellte, merkwürdig (?) gemacht, welche am Sabbat beim Ausgang aus der Synagoge vollzogen wurde. L. Auszüge. Der Kampf auf einem Grabe. Geschichtliches Ereignis; ans dem Poleukriege. (Nach dem Französischen des Jean Czynskr. (Fortsetzung aus No. 3. 6.) III. vergessen wir nicht, daß während der Erzählung des Obristeu Berko sich zwei Armeen gegenüberstanden und daß es sich um nichts weniger als um das Schicksal einer ganzen Nation handelte. Wenn der berühmte polnische General in diesem bedeutungsvollen Augenblicke der Geschichte eines Einzelnen znhörte, so geschah es, weil dessen Leben ihm lehrreiche Unterweisungen über die Lage der Israeliten geben kennte, von denen er als General, als Insurrektions-Chef, und insonders als Gesetzgeber prosttiren konnte. Er sah einen Mann von den edelsten Gefühlen vor sich, und er wollte wissen, durch welche Zauberruthe dies Wunder bewirkt sei. Dieserhalb haben auch die bedeutungslosesten Worte der Erzählung, die wir jetzt beginnen wollen, ihre Wichtigkeit. Sie sind das Bekenntnis des Repräsentanten eines ganzen verfolgten Geschlechts vor einem gerechten und großmüthigen Manne, der dessen trauriges Loos zu ändern die Macht hatte. „Ich bin geboren," begann der Obrist, „in der kleinen Stadt Kock; mein Vater, gezwungen den Handel zu ergreifen, den einzigen Nahrungszweig, den man den Juden läßt, wählte die Art der Spekulationen, die er als die nobelste und nützlichste erachtete. Er unternahm einen Getreidehandel, kaufte dem Adel seine Ernten ab und brachte sie nach Danzig. In Fällen der Roth gab er