Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1846)
- Date
- 1846-05-04
- Page
- Seite 281 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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281 Aussicht gestellt. Zum Schluffe heißt es: „Das Unternehmen kann nur dann recht segensreich gedeihen, wenn wir uns dabei der kräftigen Unterstützung des In- und Auslandes zu erfreuen haben. Wir wenden unS daher vertrauensvoll an alle edlen Menschenfreunde des In- und Auslandes mit der Bitte um wirksame Beihülfe und wohlwollendes Anschließen an unser Vorhaben. Die Namen der Geber und die Beiträge der eingegangenen und verwendeten Gelder werden öffentlich bekannt gemacht, zugleich aber auch von Zeit zu Zeit Berichte über die Erfolge unsers Vereins, und wie wir hoffen, immer erfreulichere erstattet werden." Deutschland. Hamburg, 22. April. (Privatmitth.) *) Zweimal stand in diesen Blättern eine Rüge gegen unfern Vorstand. Man zeihet ihn der Unduldsamkeit gegen Fremde. Und hauptsächlich jetzt, wo alle Gemeinden sich bestreben, jene gehetzten, verfolgten Polen mit theilnehmender Bruderliebe aufzunehmcn, jetzt gewähre man diesen in Hamburg kaum ein Paar Tage ein ruhiges Nachtlager. Der Häscher, die höchste Instanz, nehme sie in seine Register auf, sie werden inquirirt und erbarmungslos über's Meer verwiesen. Leider nur allzu wahr. Obschon unter zwölf Fremden sicher acht freche, unverschämte Bettler und Landstreicher sind, die so behandelt werden müssen, wenn die Gemeinde nicht überschwemmt von ihnen werden soll. Aber die vier Besseren! die sollten doch Schutz und Ausnahme finden! Hamburg, das seine Reichthümer nur den Fremden zu verdanken hat; Hamburgs Gemeinde, dessen mehrste Mitglieder selbst Fremde sind, sollte doch sein brüderliches, sein menschliches Gefühl nicht so sehr verleugnen, sollte nicht das Schicksal der vier Besseren, in die Hände eines einzigen lieblosen Mannes legen, der die Fremden-Kommission beherrscht! Dies ist die gerechte Klage, die täglich gehört und nicht abgeholfen wird. Aber den Vorstand mit dieser Schuld zu belasten, das wäre ungerecht. Soll das religiöse und menschliche Gefühl, das im Busen Aller liegt, aber oft schlummert, erweckt und belebt werden, so muß es durch das Haupt *) Nicht von unserm gewöhnlichen Korrespondenten. Redakt. der Gemeinde geschehen; ist dieses aber der Vorstand? Keineswegs. Dieser besteht in Hamburg qrößtentheils aus redlichen Kaufleuten, deren Geschäft sie so in Anspruch nimmt, daß sie nur mit großer Aufopferung Muße zu den vielen Gemeindeangelegenheiten finden. Aber die Gemeinde zur Wohlthätigkeit anzuregen, so weit reicht ihre Macht nicht. Kaufleute sind keine Prediger. Das ist Pflicht des geistlichen Beamten, der muß seine Zeit ganz der Religion und Menschenliebe, und Nächstenliebe und Fremdenliebe weihen; dazu wird er von Gott berufen und von der Gemeinde besoldet. Hat er nun seine Thätigkeit für diese Heiligthümer verwendet, so muß er sie der Gemeinde auch lehren. Vor der heiligen Lade muß er mit der ganzen Kraft seiner Rede den Sinn der Gemeinde, des Vorstandes, für Wohlthätigkeit rege machen. Er muß alle Gesetze der Humanität, die von der Hand Gottes in der heiligen Schrift und im menschlichen Herzen tief eingegraben sind, laut verkünden, und Vorstand und Gemeinde dafür begeistern. So handelt der Weise und Mensch. Aber wehe dem Weisen, worin man den Menschen vermißt! — Sagt, liebe Brüder! was geschieht unter uns Orthodoxen oder Rechtgläubigen, wie wir uns nennen, für die armen unglücklichen Polen? hat man in unsrer Synagoge, die ich täglich besuche, schon einen Laut von der heiligen Pflicht gegen sie vernommen? Unser Herz pocht für sie; hat die Geistlichkeit dieses Pochen benutzt, hören wir von der Lade herab ein Wort des Erbarmens? Oder thut die Geistlichkeit einen Schritt dafür? Aus dem Tempel schallte der Ruf zu Rettung, ein dortiger Prediger schaart Alle, die milden Herzens sind, um sich, und bildet einen Verein; aber bei uns geschieht nichts. Die ganze Zudenheit mag in Gefahr schweben, bei uns rührt sich keine Hand. Wol hat schon mancher gelehrte, fromme Bachur unter den Flüchtlingen an die Thür der Geistlichkeit angeklopft; aber Thür, Ohr und Herz blieben ihm verschlossen, während der Rabbiner in Altona doch Manchem unter diesen Abgewiesenen einen Platz in seinen Lehrstunden vergönnt. Wenn nun von hier aus die Quelle der Sünde zu suchen ist, warum wollen wir unfern Vorstand verdächtigen, der noch ein weit religiöseres Gemüth zeigt, und gewiß schon manches Uebel gehemmt hätte, wenn er dazu von oben aufgemuntert, oder wenig- 19*