Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1846)
- Date
- 1846-04-27
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
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264 Belgien. Brüssel, im März. Nach der löblichen, seit 1843 von dem Vorstande der hiesigen Gemeinde beobachteten Sitte, jährlich eine Gemeindeversammlung zu halten, und einen umfassenden Jahresbericht abzustatten, geschah dies auch in diesem Jahre. Der Bericht spricht sich namentlich über den Zustand des Schulwesens aus, das in Brüssel und Arlon trefflich, in Antwerpen und Lüttich ziemlich, in Gent schlecht ist. Der Minister hat die Pensionsberechtigung der jüdischen Kultusbeamten ausgesprochen. Bei der Ungeheuern Theurung der Lebensmittel hat der König auch 23 jüdischen Familien solche vertheilen lassen; die Gemeinde hat durch eine besondere Subskription die Almosen vermehrt, insbesondere hat sie sür die Scholaren gesorgt, indem sie ungefähr40derselben täglichen Tisch besorgte. Das Gemeindebudget leidet am Defizit, und — da alle Beiträge freiwillig sind — ersucht der Vorstand, daß Alle und mehr beisteuern mögen. Höchst bemerkenswerth ist eine Petition eines Theiles der beitragenden Mitglieder an das israelitische Konsistorium wegen Gestattung eines Sonntagsgottesdienstes. Das Konsistorium hat eine Komwisfion zur Berichterstattung ernannt, der Bericht ist bereits eingelaufen, und wird in nächster Zeit diskutirt. Die Petition lautet folgendermaßen: „An die Herren Präsident und Mitglieder des israelitischen Konsistoriums von Belgien. Wir Unterzeichnete, beitragende Mitglieder der israelitischen Gemeinde von Brüssel, voll Vertrauens zu Ihrem Eifer und Ihrer Thätigkeit für Alles, was das moralische und religiöse Wohl Ihrer Administrirten betrifft, würden ihre Pflicht zu verfehlen glauben, wenn wir zögerten, einen Plan in Ausführung zu bringen, den wir gebildet, und zu welchem die Idee uns weniger durch äußere Einflüsse, als durch unsere eigenen religiösen Empfindungen und durch die Art, wie wir unsere Pflichten als Familienväter anschen, gekommen ist, und die wir Ihren Berathungen unterwerfen, nicht allein weil der Gegenstand in Ihre Attributionen fällt, sondern weil wir uns überzeugt halten, daß die Mehrzahl von Ihnen, den Konsistorialräthen, wenn nicht Sie Alle, mit unseren Wünschen sympathisiren, und daß unsere Stimmen ein Echo in dem größer» Theil der wohlhabenden Klassen unserer Glaubensgenossen in dieser Stadt finden werden." „Aber, trotz dieser zwiefachen Ueberzeugung, fühlen die Unterzeichneten das Bedürfniß, vor Allem ihre vollkommne und aufrichtigste Anhänglichkeit an unsre heilige Religion, an den Kultus unserer Väter, und selbst an die geringsten Bräuche und Gewohnheiten, welche die Zeit geheiligt hat und die Vernunft billigt, zu bezeugen, so daß sie weit von sich jede Idee, wissentlich, in welcher Art es auch sei, das Gewissen ihrer Glaubensgenossen verletzen und ein bedauernswerthes Schisma in den Kultus bringen zu wollen, von sich weisen, da hieraus nur Zwietracht zwischen denen, welche an der Spitze stehen, und ihren Administrirten, hervorgehen würde." „Stark in unscrrn eignen Gewissen, daß wir bis jetzt Alles gethan haben, was auch den geringsten Zweifel über die Aufrichtigkeit unserer Gesinnungen unterdrücken muß, wollen wir nicht zögern, an den Gegenstand selbst zu gehen." „Wie Sie selbst, geehrte Herren, haben wir Unterzeichnete oft mit Bedauern die Leere in unfern, Tempel während fast des ganzen Jahres bemerkt, wenn man die feierlichen Feste mit genauer Roth ausnimmt; wie Sie, geehrte Herren, werden die Meisten von uns oft während ganzer Jahreszeiten dem Gotteshause fremd; wie Sie, geehrte Herren, haben wir endlich den Kummer, als Gleichgültigkeit gegen die Religion die lange und häufige Abwesenheit bezeichnen zu hören, während es die Verhältnisse sind, die dies motiviren, die Bedürfnisse, welche dies unvermeidlich machen, sagen wir, selbst die Pflichten, welche dies rechtfertigen. Ja, geehrte Herren, die Pflichten als Familienväter, als Chefs von Handlungshausern, als Bürger, die mit allen ihren Mitbürgern in Verbindung stehen, erlauben nicht mehr, in der Mitte des 19ten Jahrhunderts wie im Anfang des 18ten und vorher, in Belgien wie an den Ufern des Mains, Rheins, in Polen und im Elsaß, nicht allein alle Sonnabend und religiösen Feste die Bureau's und Gewölbe zu schließen, sondern auch den größten und besten Theil des Tages irn Tempel zuzubringen, wie ehemals, als der Israelit nur mit seinen Glaubensgenossen in Berührung stand, so wie endlich mit Frau und Kindern aller Ungunst der Witterung zu trotzen, um sich zu Fuß auf weiten Wegen hinzubegeben, um die Skrupel der strengen Stabilen nicht zu erwecken."