Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1846)
- Date
- 1846-04-27
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
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258 war daher wesentlich: das religiöse Bedürfnis Ln unfsreckKkanbensgenoffen zu wecken. DieTheil- BaPne M Meligion wieder zu erregen, den Mnn nach oben zu lenken, in den Herzen die Leere fühlbar zu machen, welche auch die höchste Bildung ohne religiöse Erregtheit und Befriedigung behält: dies war, und dies bleibt noch die Hauptaufgabe. Dann, wahrlich! macht sich die Reform wie von selbst, denn das Volk hat Verstand genug, das Rechte zu wählen, wenn erst in ihm die Nothwendigkeit zu wählen vorhanden ist. Dann wird es auch keine „wirksamen Feinde" der Reform mehr geben. Bringen wir es uns^ daher zum Bewußtsein, und sprechen wir es geradezu aus, denn hier hilft hinter dem Berge halten zu gar Nichts: im Allgemeinen hatten die bisherigen Reformen zu Motiven mehr die Verletzung des Geschmacksgefühls, die Scham vor den christlichen Mitbürgern und der Reformdrang, der überhaupt ein Charakter unsrer Zeit ist. Daher äußerliche Reform, Viertelheiten und Halbheiten, Diplomatie, Ostentation. Würde es hierbei verbleiben, so könnten der Reform keine dauernden Momente zugeschrieben werden. Aber wir müssen alles dies als die Mittel betrachten, durch welche der Weg zur Wahrhaftigkeit gebahnt wird, ja, durch welche das rechte religiöse Bedürfnis zu wecken möglich sein wird. Wir können mit Befriedigung sagen, daß unser alter Gottesdienst nicht aus solchen halben Elementen hervorgewachsen. Er hatte einen wahren religiösen Boden. Die furchtbaren Schrecken der Zeit, die außerordentlichen Leiden und Martern um die Religion, und die Ausschließung der Juden von allen weltlichen Zerstreuungen und Beschäftigungen außer dem Erwerb mußten sich in das Bedürfniß nach Gebet und Gottesdienst wandeln, mußten im Gottesdienst allein Befriedigung, Erhebung, Erholung und angenehme Beschäftigung finden lassen. Daher der Drang nach immer mehren Gebeten, nach immer längerer Dauer des Gottesdienstes — ohne welchen es schwerlich den Peitanim gelungen wäre, ihre unverdaulichen Produkte so allgemein einzuführen — und nach Formen des Gottesdienstes, welche auch, außer der religiösen Erhebung — Unterhaltung gewahren. Daß es in der Natur dieses Gottesdienstes lag, zuletzt in Formalismus und Lippendtenst auszuarten, dafür kann sein Ursprung nichts. Hatte doch der Schriftkultus, wie Propheten und Psalmisten bezeugen, dasselbe Schicksal gehabt. Wir wollten eben hiermit erweisen, daß, bevor nicht das religiöse Bedürfniß in der Masse wieder wahrhaft geweckt ist, an ein wahres Leben der Reform nicht zu glauben und nicht zu denken ist; daß aber, sofern jenes l»bendig geworden — wober wir freilich auf die Iugelch die meiste Zuversicht haben müssen — auch die Reform oh« Schwierigkeit vollendet wird. Allerdings sind nutr in unsrer Zeit die Wege zur Weckung des Bedürfnisses weniger günstig, als in früherer Zeit. Die materialistische Richtung der Zeit, die Vergnügungssucht und Sittenfreiheit, die Wissenschaft und Politik— alles dies zieht vom religiösen Bedürfniß ab. Große Kalamitäten sind in unseren Gegenden auch nicht vorhanden. So ist eben der einzige Hebel — die Nichtbefriedigung, die am Ende alle diese Bestrebungen ohne Religion mit sich führen. Und das wäre freilich der reinste und wahrste Weg, der zur Religion zurückführen würde! Ueber die Verfassung der jüdischen Gemeinden. So lange der jüdische Kultus völlig stabil war; so lange das jüdische Schulwesen die alte Stufe inne hatte; so lange überhaupt die Gemeindeiustitute sämmtlich in den alten Formen sich erhielten, konnte die Verfassung der jüdischen Gemeinden ein ziemlich gleichgültiger Gegenstand sein, denn die Mißstände, die aus einer fehlerhaften und verkehrten Verfassung hervorgingen, konnten nur untergeordneter Natur sein. War nur in finanzieller Beziehung gesorgt, daß kein Mißbrauch, keine Verschleuderung stattfaud, so ging Alles seine Wege. Nachdem aber alles dies anders geworden, nachdem es innerhalb der jüdischen Gemeinde kein Institut giebt, das nicht seiner Existenz und Form halber in Frage gekommen: ist allerdings auch die Gemeindeverfassung einer der wichtigsten Punkte geworden, auf den man nicht oft genug zurückkommen kann. Durch eine richtige Gemeindeverfassung kann so viel Segen verbreitet und so viel Unheil verhüthet werden, daß wir das Augenmerk der Gemeinden in den Ländern, wo ihre Verfassung noch nicht gesetzlich geordnet ist, nicht genug darauf lenken können. Ist ihnen an ihrem eignen Heile gelegen, so werden sie es nicht unberücksichtigt lassen. Wir sprechen natürlich hier nicht von den kleineren Gemeinden, wo der gerade Weg, die Besprechung des Vorstehers mit der versammelten Gemeinde, der kürzeste ist. Wir versetzen uns auch hier auf den objekrivesten Standpunkt, und erkennen die Gemeinde in geistiger Beziehung als die Bereinigung aller Ansichten und Mei-