Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1846)
- Date
- 1846-04-20
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Jahres diese gewaltige Umgestaltung hervorgebracht? Sind die Geister plötzlich erleuchtet und die Gemüther so jählings angeregt worden? Dies wol nicht! Aber man ist ungeduldiger geworden. Die träge Ruhe der Gesammtgemeinden gegenüber der unermüdlichen Kraftanstrengung der erleuchteten Rabbiner-Versammlungen mußte doch endlich einmal zum ernsten Handeln herausfordern. Was ist für die Verjüngung des Judenthums geschehen dadurch, daß wir ein Paar zu barbarisch lautende Gebete ausgeschieden, daß der sogenannte „Tropp" entfernt, und das lustige Trillern eines ChasanS durch einen ernstgeregelten Chor verdrängt wurde? Muß der Inhalt unsrer bestehenden Gebete nicht immer noch uns erröthen machen? Müssen wir nicht vor Scham erbleichen, wenn wir bei der gedankenlosen Ausübung irgend welcher Zeremonie uns ermannen, und das mächtige Widerstreben unseres bessern Selbst gewahren? Darum ist es das einzige Rettungsmittel, daß in den Gemeinden sich solche Vereine bilden, die die ernstbestrebten Rabbiner in ihren Forschungen und Unternehmungen ermuthigen und die Gemeinden selbst dahin drängen, daß sie eine zeitgemäße Umbildung des bis zur Unkenntniß verunstalteten Glaubens vornehmen und geschehen lassen. Ein solcher Verein, mit dieser Tendenz ist der hiesige, wie ihn auch die böswillige Klatschsucht zu verleumden sucht, und ein solcher scheint uns die berliner Genossenschaft zu sein, mit welcher der hiesige zu gemeinsamen Streben sich zu vereinigen gedenkt. Auf daß ihn auch die Leser als einen solchen kennen -lernen, lasse ich hier einen Bericht aus der schlesischen Zeitung über die zweite Versammlung der Reformfreunde am verflossenen Sonntag, als den 5. d. M. folgen. Er lautet: „Gestern fand die zweite Versammlung der hiesigen jüdischen Reformfreunde statt. Die Unterschriften zur Betheiligung hatten den erfreulichsten Fortgang, so daß die Anzahl der Mitglieder schon jetzt die Zahl hundert weit übersteigt. Der Vorsitzende eröffnete die Berathungen mit einer kurzen Anrede und mit der Verlesung des Aufrufs. Die Frage, wie weit die Reform eigentlich gehen solle, ob man sich der berliner Genossenschaft unbedingt anschließen, oder der Rabbinerversammlung sich anvertrauen wolle, hatte eine lange und heiße Diskussion herbeigeführt, die zu dem Beschluß führte, daß die hiesige Genossenschaft ihre freie Selbstständigkeit zwar bewahren, allerdings aber die Vorschläge und das bereits Gewonnene Anderer prüfen und benutzen wolle. Zu dem Ende wurde bestimmt, zu der am 14. und 15. d. M. in Berlin stattsindenden Konferenz sämmtlicher Genossenschaften einen Deputirten zu schicken, dessen Wahl dem vorläufigen Konnte überlassen wurde. Auf daß aber die Genossenschaft sobald als möglich ein Zeichen der Existenz von sich gebe, wurde dem Konnte aufgetragen, sich bei dem Synagogen-Vorstande dahin zu verwenden, daß alle Bestimmungen der Rabbinerversammlung in Bezug auf Kultus schon jetzt hierausgeführt werden sollen. Desgleichen wurde der Antrag eines Mitglieds zur Einführung eines Sonntags-Gottesdienstes für alle diejenigen, die dem Sonnabend- Gottesdienst nun einmal durchaus nicht beiwohnen können, wie Kommis, Schulkinder u. dgl., fast einstimmig angenommen und die möglichst schleunige Ausführung dem Konnte übertragen. So stellte sich denn gestern abermals heraus, daß eine entschiedene Reform das dringendste Bedürfniß des Judenthums sei, indem Viele, die mit Wärme und Lebendigkeit an den Debatten Theil nahmen, gern und schnell bereit waren, ihre etwa verschiedenen Ansichten anderen unterzuordnen, um nur die Realisirung des Ganzen nicht aufzuhalten. Und bei solchem Ernst und aufrichtigen Eifer kann ein glückliches Durchdringen unmöglich ausbleiben. — Die Wahl eines neuen Komites, das aus 15 Personen bestehen soll, ward auf die nächste Versammlung verschoben." Als Nachtrag habe ich noch mitzuthcilen, daß der Deputirte in der Person des Herrn L. Dyhrenfurth bereits gewählt ist, der sich in den nächsten Tagen schon, begleitet von einem Sekretär, nach Berlin begiebt. Ratibor, 5. April. (Privatmitth.) Sie theilten jüngst die Nachricht mit, daß der hiesige israelitische Lehrer Herr Holländer die Erlaubniß zu einer' allgemeinen Schulanstalt erhalten hat. Ich theile Ihnen anbei einen Bericht mit, der in No. 87 der Brest. Ztg. von einem hochstehenden christlichen Familienvater über eine Prüfung dieser Anstalt abgestattet worden. Er lautet vom 1. April: „Heute fand in der Sckulanstalt des Herrn Lehrer Holländer Hierselbst die alljährliche öffentliche Prüfung statt. Ref., einer der bei dieser Schule betheiligten christlichen Familienväter, überzeugte sich dabei