Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1846)
- Date
- 1846-04-13
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 rufen wurden, welche das Gesetz ihnen zu übertragen gestattet. — Spricht aus solchen tagtaglichen Erscheinungen nicht deutlich die Stimme des Volks? Wahrlich, unser badisches Volk ist zur Erkenntniß reif, daß diesen an sich schwachen Gründen unserer Gegner, die sich in der unaufhörlichen Wiederholung völlig abgenützt haben, andere Gründe gegenüberstehen, die zwar dies Volk auch oft und oft gehört, die aber dennoch einen unverfälschten guten Klang haben, in unsrer vaterländischen wie in jeder andern Sprache, die Grundsätze der Rechtsgleichheit und Gewissensfreiheit, die eins sind mit jenen der Humanität und wahrer Staatsweisheit,welchen auch unsre hohe Staatsregierung, insoweit die Gesetzgebung dies gestattet, für die Juden im Leben Geltung zu verschaffen wußte. Ja, die Gegner unsrer guten Sache mögen ihre Gründe noch so sorgfältig unter täuschenden Sophismen verbergen, noch so künstlich mit den aus veralteten Rüstkammern hervorgeholten Waffen vcrtheidigen, es wird endlich anerkannt werden, wer den Kampf der Wahrheit und des Rechts mit dem historisch verjährten Unrechte, der Gewissensfreiheit mit dem Gewissenszwange, der Humanität mit der Unterdrückung kämpft. Das haben auch in neuester Zeit wiederholt die legislatorischen Versammlungen der erleuchtetsten Vvlksstämme unsres deutschen Vaterlandes, wie Europa's, anerkannt." Ferner bringen diese „Beilagen" die Eingabe an das Staatsministerium: „die Anstellung eines theologischen Mitglieds des großherzogl. Oberraths und Dolirung dieser Stelle betreffend." Als eine wichtige Aussprache der Zeit theilen wir hier folgenden Passus dieser Eingabe mit: „Inzwischen hat der großherzogliche Oberrath, was wir mit dankbarer Anerkennung hier auszusprcchen gern Gelegenheit nehmen, unterstützt und gefördert durch das Wohlwollen der hohen Staatsregierung, alles das zu erreichen und in's Leben zu führen gewußt, was ihm in seiner Zusammensetzung zu erreichen möglich war. Unsere Gemeinden und deren Behörden wurden konstituirt, ihre Geschäftskreise geregelt, die Schulen wurden verbessert und gehoben. Allein das Wichtigste, das Nothwendigste unterblieb, die Verbesserung des Kultus, die Läuterung der Lehre. Zwar sind auch in Bezug auf die Versserung des Kultus einzelne Versuche gemacht worden, wie namentlich die Einführung der Predigt, des Chvralgesangs und des Ornates für die Geistlichen. Allein diese Verbesserungen sind zu unbedeutend, um dem Bedürfnisse und den Anforderungen an eine würdige und erhebende Gottesverehrung vollkommen zu genügen, und sind daher auch nicht zur Lebendigkeit gediehen. Indem sie neben das Alte hingestellt wurden, dienten sie nur dazu, den Kontrast zwischen Veraltetem und Neuem um so greller hervorzuheben, und den Widerspruch beider klar vor Augen zu stellen. Von allen Seiten äußerte sich darum das dringende Verlangen nach durchgreifender Verbesserung des Gottesdienstes, nach Herstellung einer Uebereinstimmung zwischen ihm und unseren Gefühlen und Empfindungen, nach Läuterung des religiösen Lebens und Lösung des gefährlichen Zwiespalts, der zwischen der Lehre und dem Leben eingetreten, gar oft dem Judenthume und der Synagoge die Herzen ihrer Angehörigen entfremdet, und diese einer jedem Glauben, jeder echten Bildung des Geistes und Herzens, ja jeder Sittlichkeit gefährlichen Gleichgültigkeit in die Arme geliefert hat. Gefährlich nennen wir diesen Zwiespalt zwischen Leben und Lehre, weil er, dem Blicke des unmündigen KindeS sich aufdrangend, schon in ihm alle Begriffe von Glauben und Sitte zu zerstören droht, in den Erwachsenen aber, wenn sie nicht zur höchsten Geistesreife und Bildung sich emporheben, zugleich mit der Achtung vor Geboten, welche als religiöse Vorschriften gelten sollen, jeden Glauben, jede Sittlichkeit bis zur Wurzel vertilgen muß; gefährlich nennen wir die Gleichgültigkeit, welche die Bekenner eines Glaubens von der Rcligionsübung der Glaubensgemeinde entfernt hält, weil sie nicht nur in ihnen die höheren religiösen Gefühle erkalten und untergehen läßt, sondern auch deren Entwickelung in den Gemüthern ihrer Kinder und Angehörigen, selbst ihrer Dienstboten im Keime zu erdrücken droht. Schmerzlich haben dies die Denkenden unter uns seit vielen Jahren empfunden, wenn auch die Bestrebungen nach Verbesserung im letzten Jahrzehent durch die Bestrebungen für Erzielung der bürgerlichen Gleichstellung etwas in den Hintergrund gedrängt waren. Aber neu erwacht und in die Masse der Gesammtheit gedrungen ist dieses Gefühl, seitdem durch die