Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1846)
- Date
- 1846-04-13
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Die Religion ist nicht blos die Sache des Gelehrten, des Führers und Lehrers der Gemeinde, sie ist die Sache eines jeden Einzelnen, und namentlich im Judenthume giebt es keinen Unterschied zwischen Laien und Priestern. Es müssen also auch die Nicht-Rabbiner über ihre Uebcrzeugungen und Bedürfnisse sich klar zu machen suchen und sie aussprechen. Das ist es, was wir in der Reformgenossenschaft zu Berlin als ein schönes Zeichen der Zeit begrüßen. Diese hat allerdings bis jetzt keine festen Grundsätze ausgesprochen, sie hat blos das Bedürfniß einer entschiednern Reform , als sie bisher sich gezeigt hat, kundgegeben, sie hat vorläufig für ihre Mitglieder einen Gottesdienst eingerichtet, der seine erbauliche Wirkung bereits bewährt hat, sie hat die Bestimmung getroffen, daß neben dem Sonnabend-Gottesdienste auch ein Sonntags-Gottesdienst cingesührt werde, und hat endlich auf den 14. und 15. April c. Berathungen angesetzt mit sämmtlichen Freunden der Refrorm im Judenthum. Wir sehen hierin ein Beispiel, das von uns Nachahmung verdient. Eine Verständigung über mehrere Punkte, welche bei jenen Berathungen Vorkommen, ist gewiß auch für uns von großem Werthe, und so wollen wir uns das Mittel nicht entgehen lassen, durch gegenseitige Besprechung auch unsere Ueberzeugung zu kräftigen und zu berichtigen. Nur durch ein solches Zusammenwirken von Rabbinern und Gemeindegliedern läßt sich hoffen, daß das Judenthum wieder zu einer lebendig wirkenden religiösen Macht werde; das lautere Judenthum bedarf wahrlich keiner Reform, aber das bestehende mit seinen Jahrhunderte lang aufgehäuften Mißbräuchen bedarf einer solchen dringend, und soll sie ausgesührt werden, so muß von allen Seiten daran gearbeitet werden. Dazu unsererseits nach Kräften beizutragen, muß unser Zweck sein; als Männer aus dem Wolke, als schlichte, aber ernstgesinnte Bekenner des Judenthums wenden wir uns an euch, Mitbürger und Glaubensbrüder. Vereinigen wir uns zu einer Gesammtheit, welche di« Reform zu fördern bezweckt, und sich mit allen denjenigen in engem Zusammenhänge erhält, welche den gleichen Zweck verfolgen. Die Zeit ist da, laßt sie nicht vorübergehen; es handelt sich um unser und unserer Kinder Heil! Seht nicht auf diejenigen, welche euch zurufen, sondern merket auf den Ruf selbst; wir sind jeden Augenblick bereit, besseren Händen die Leitung zu übergeben. Wo das Zeitbedürfniß so laut mahnt, da kommt es jedoch weniger auf den an, welcher ihm das Wort verleiht, sondern daß es ausgesprochen werde, und der Segen des Gottes der Wahrheit wird ihm nicht entgehen. Breslau, den 30. März 1846. Das vorläufige Komitö der brcslauer Ge'- n offenschaft für Reform im Judenthume." Berlin, den 5. April. (Privatmith.) Die Aeltesten der hiesigen Gemeinde haben vor einigen Tagen folgendes Zirkulär an die Gemeinde-Mitglieder gerichtet: „An die verehrlichen Mitglieder unserer Gemeinde! Vor einhundert zwei und dreißig Jahren haben unsere Vorfahren — eine kleine^arme Gemeinde Vertriebener, die erst drei und vierzig Jahre vorher im Lande sich angesiedelt hatten — eine schöne, geräumige Synagoge erbaut, die noch bis heute das einzige Gotteshaus der Gemeinde ist. Die Unzulänglichkeit des Synagogenraums für unsere aus eine Anzahl von etwa siebentausend Mitglieder angewachsene Gemeinde, hat sich besonders seit der Zeit herausgestellt, wo der religiöse Vortrag in deutscher Sprache die Mitglieder der Gemeinde in so großer Zahl herbeigezogen hat, daß nicht allein der Raum überfüllt ist, sondern auch, namentlich an den hohen Festtagen, ein großer Theil derjenigen zurückgewicsen werden muß, die an dem Gottesdienste Theil zu nehmen wünschen. Haben unsere Vorfahren mit solcher Aufopferung für ihre späten Enkel gesorgt, so ist es unzweifelhaft eine Pflicht der Lebenden, die mit so viel größeren Mitteln ausgestattet sind, zunächst für ihr eigenes, dann aber auch für das Bedürfniß künftiger Geschlechter ein zweites Gotteshaus zu erbauen, das durch seine edle Ausstattung ein Denkmal der Liebe werden möge, mit der wir an der Religion unserer Väter festhaltcn. Diese Erwägungen wären gewiß ausreichend gewesen, um den Gemeindevorstand zu veranlassen, Hand ans Werk zu legen, doch ließ auch die Ueberzeugung, der Bau einer neuen Synagoge fei das einzig geeignete Mittel, um in zwei Synagogenräumen den verschiedenartigen jedoch wohlbegründeten Ansprüchen auf die Gestaltung des Gottesdienstes gerecht werden zu können, jeden Aufschub einer so hochwichtigen Sache als ein Vergehen an dem Frie- 16*