Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-04-13 · Heft 16 (13.4.1846) · p. Seite 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 16 (13.4.1846)
Date
1846-04-13
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225460--07669-3238440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

235 Ganzen zu vereinigen. Er stellte sich daher den entschiedeneren Bestrebungen vieler achtbarer Gemeindeglieder nicht entgegen, suchte vielmehr sie selber dahin zu leiten, daß sie bloß zu einer besondern Kultusgemeinde sich konstituiren aber nicht ein völliges Schisma Hervorbringen. Zu diesem Zwecke kündigte G. am 28. d. M. einen besondern Vortrag an über das Thema: „Von wem sollen Reformen ausgehen?" Vor einem zahlreichen Publikum that er mit Schärfe dar, wie nothwendig eine Reform im Judenthum sei, wie eine solche zu allen Zeiten stattgefunden und wie auch wir berechtigt seien, zumal die Erhaltung der Religion sie unumgänglich fordere, solche vorzunehmen. Aber nicht die Rabbiner allein, denen alle Bedürfnisse des Volkes nicht bekannt sein können, und nicht das Volk allein, dem eine engere Vertrautheit mit den Lehren der Religion doch mangelt, dürfen entschiedene Reformen vornehmen, sondern vereint und gemeinsam müssen die zeitgemäßen Bestimmungen angestrebt werden; die Gemeinden müssen ihre Wünsche offen aussprechen, die Rabbiner ernst berathen und prüfen und so mit vereinten Kräften kann das Werk gelingen. Was hat es genützt, fragte er, daß die Rabbiner schon zweimal zusammengekommen, daß sie mit Ernst und Aufopferung Bestimmungen getroffen, Vorschläge gemacht; welche Gemeinde Preußens hat auch nur einen Theil der vorgeschlagenen Reformen ins Leben einzuführen gesucht? Es sei daher nöthig, daß sich Vereine bilden zur Förderung der Reform, daß diese Vereine namentlich bemüht seien, die Bestimmungen der Rabbinerversammlungen in Ausführung zu bringen. Dieses Streben habe bis jetzt die berliner Reformgenossenschaft kund gegeben, allerdings mit Entschiedenheit und Konsequenz und es sei daher wünschenswerth, daß alle Gleichgesinnten sich ihr anschließen zu gemeinsamer Betheiligung und Mitwirkung. Nachdem Geiger geendet hatte, erhob sich der mehrfach bekannte Or. W. Freund, bat ums Wort und trat vor. Er wolle sich, hob er an, da er glücklicherweise jetzt von Berlin nach Breslau übergesiedelt sei und die Genossenschaft in Berlin sehr wohl kenne, einige Bemerkungen zu dem vorangegangenen Vortrage erlauben. Die Mitglieder der Genossenschaft in Berlin seien lauter Menschen, die von der Religion nichts wissen, die dreißig Jahre lang gar keine Religion gehabt und nun, da doch alle Nationen der Erde eine Religion haben, sich selber eine zustutzen wollen. Ueberhaupt sei das Reformiren ein gefährliches Ding, weil man doch nothwendig zu Reformen der biblischen Vorschriften kommen müsse und dann keine Grenze mehr vorhanden wäre. Das Judenthum müsse der Zeit überlassen bleiben, die das Unhaltbare schon von selbst abbröckeln werde. Die Bestrebungen der modernen Rabbiner kommen ihm vor, wie die der Freiheitsenthusiasten, und sie werden untergehen die Rabbiner, wie weiland das Schill'sche Korps. Nun, da die Zeit, so meinte der Redner, das Judenthum besiegt habe, machen die Rabbiner sich zusammen, wie die heilige Allianz zu Stande kam, nachdem das Klima schon Napoleon überwunden hatte. In dieser unangenehmen witzelnden Weise sprach der Redner noch lange gehässig und kränkend. Als hierauf Geiger wieder auftrat und mit wahrer Begeisterung diesen unwürdigen Ton, diese wegwerfende Besprechung der heiligsten Angelegenheit zurückwies, zeigte sichs denn, wie leicht der Ernst und die Wahrheit über Berechnung und Böswilligkeit den Sieg erringt. Der Erfolg dieses Geiger'schen Vortrags war kein unbedeutender. Die Reformfreunde haben sich nun ernst zusammengethan und das vorläufige Konnte derselben hat heute einen Aufruf erlassen, den ich hier nachstehend mittheile. — Die Gemeinde dürfte jetzt sicherlich in zwei Kultusgesellschaften sich theilen, in allem Uebrigen aber ganz und einig bleiben. Jedenfalls ist eine gewichtige Entscheidung nahe; bis dahin wollen wir ruhig zusehen. Auf Sonntag den 3. ist eine zweite Versammlung der Reformer festgesetzt; es soll ein Deputirter zur Konferenz nach Berlin gewählt werden. Der Aufruf lautet: „Ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem der große Mendelssohn die Fackel des Geistes unter uns und für uns anzündete, ein großes Jahrhundert mit den mächtigsten Bewegungen und Umgestaltungen. Auch die äußeren und inneren Verhältnisse der Juden sind nicht davon unberührt geblieben. Unsere Stellung im Staate ist eine andere geworden, wir nähern uns der Zeit immer mehr, in welcher wir als vollberechtigte Bürger in dem deutschen Vaterlande anerkannt werden; die Ansichten der überwiegend großen Mehrzahl haben sich sehr geändert, und ihr Leben giebt dafür die deutlichsten Zeugnisse. Dennoch haben alle die-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.