Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1846)
- Date
- 1846-04-13
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Orgel, Stern's Rede und Holdheim's Predigt hervorbrachten. Alles griff wohlgefügt und entsprechend ineinander; besonders machte der Zug des Predigers mit der Thorah durch den Hauptgang des Gotteshauses nach der Kanzel hin, gefolgt von drei Deputirten, eine tiefe Wirkung, die durch das Schma Jisrael erhöht wurde. Biele hochachtbare und angesehene Männer, sowol Glaubensgenossen der herkömmlichen religiösen Richtung angehörend, als auch christliche Mitbürger wohnten der Feierlichkeit bei, und bezeigten dadurch ihre lebendige Lheilnahme für ein Ereigniß, das als das Produkt eines wahrhaft edeln Dranges, innerhalb des Judenthums «ine den Anforderungen der jetzigen geistigen Entwickelung gemäße Form der Gottesverehrung zu schaffen, sicher ein heiliges genannt werden muß. Um so mehr war es zu beklagen, daß die Aeltesten der hiesigen Gemeinde dies nicht erkannten, sondern ungeachtet einer an sie ergangenen Einladung nicht erschienen waren! Sind sie nicht Vorsteher der ganzen Gemeinde? gehört die Nesormgenossenschaft nicht zu ihr? vereinigt sich solche Nichtachtung mit der Wahrung des Friedens in der Gemeinde? — Die Rede des vr. Stern war ein Wenig zu priesterartig gehalten, sonst trug sie ganz das Gepräge einer redlichen Gesinnung, einer warmen Begeisterung für die Sache, und eines sich nicht überschätzenden Selbstgefühls im Bewußtsein des Zieles, was die vereinigten Kräfte der Genossen bis jetzt erreicht. Sie sowol, als auch die Predigt Dr. Holdheim's, die nur kürzer und konziser hätte sein sollen, waren der Bedeutung des Tages angemessen, und werden wvl im Druck erscheinen. L. Breslau, 29. März. (Privatmitth.) Gestern hat llr. Geiger in einem Vortrage, den er vor einem zahlreichen Publikum von Damen und Herren im Goldschmid-Saale hielt, sowol die Nothwendigkeit der entschiedensten Reform, als auch die historische Statthaftigkeit derselben nachgewiesen, und dann die Frage: „von wem sollen die Reformen im Judenthum ausgehen?" dahin beantwortet, daß sie dieRabbinen und die Gemeinden im gemeinschaftlichen Wirken zu unternehmen haben, wenn ein Erfolg erwartet werden soll. Die Rabbinen müssen die Wissenschaft zu Rathe ziehen, wenn das Volk durch ein Bedürfniß getrieben, auf Abänderung dringt, und dieses hat die Ergebnisse der Forschung in sich aufzunehmen, welche jene ausgebeutet haben. Denn nicht immer ist das, was sich im Volke abgelebt, was ihm aus dem Bewußtsein geschwunden, auch der Aufhebung würdig, so wie das, was zur vollkommnen Erkenntniß bei den Rabbinen herangereift, sich nicht immer in das Leben hineintragen laßt. Das Einverständniß beider Momente muß erst zu Stande gebracht worden sein; die Gemeinden und ihre Geistlichen müssen sich erst gegenseitig durchdrungen haben, wenn das religiöse Leben frisch und ungestört in die neuen Bahnen, die die Reform ihm anweisen will, Hineinströmen soll. Darum ist es nothwendig, und kann für die Sache der Reform nur höchst ersprießlich sein, wenn in jeder Gemeinde Genossenschaften, in ähnlicher Weise wie die zu Berlin, sich bilden, die dann an der Seite der Rabbinerversammlungen zu gleichen Erzeugnissen heranzustreben haben. Breslau, 29. März. (Privatmitth.) Gestern kündigte Herr vr. Geiger von der Kanzel herab den Genuß der Hülsenfrüchte am Peßachfeste als einen erlaubten an. Er führte alle die Stellen an, die die Gestattung enthalten, und meldete noch zuletzt, wie dieses Verbot in Krakau, wo Moses Jfferls es zuerst einführte, dieses Jahr?— freilich wegen des eingetretenen Mangels an anderen Lebensmitteln — aufgehoben wird. Breslau, 31. März. (Privatmitth.) Unsere Gemeindeverhältnisse, so verworren und unlösbar sie auch jetzt scheinen mögen, gehen nun doch raschen Schrittes einer endlichen Ausgleichung entgegen. Die Anwesenheit Faffels, der abermals durch eine mit Midraschim fast übersäete Deraschah die schlummernden Reigentöne in den Gemüthern der hiesigen Halbmänner geweckt, hat wiederum etwas Leben und und Bewegung in die fast ängstigende Stille der religiösen Atmosphäre gebracht, und seine Anstellung als zweiter Rabbiner wurde, trotz seiner freiwilligen Verzichtleistung, wiederum das stete Schiboleth unseres Tagesgespräch. Allein es kam anders. Geiger hatte einsehen gelernt, daß das immer rücksichtsvolle langsame Vorwärtsstreben nicht nur keine eingreifende Umgestaltung des jüdischen Kultus und Lebens zu Stande bringen, sondern auch den Frieden in der Gemeinde so lange nicht fördern werde, als er bestrebt ist, die Gesammtgemeinde zu einem