Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1846)
- Date
- 1846-04-06
- Page
- Seite 226 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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226 verwischen. Ich begnüge mich, sie mit schwachen Umrissen anzudeuten. Als ein ernster Forscher, der die Ergrüudung und Verbreitung der Wahrheit als seine erste und letzte Aufgabe erkennt und sich durch keine selbstischen Rücksichten, als Eifersucht oder Haschen nach Originalität, bestimmen läßt, sondern wo und wodurch er die Wahrheit auch aufsindet, sie hervorlangt und ausbreitet zum Nutzen seiner Nebenmenschen, giebt er sich Ln der Einleitung seines Merkes zu erkennen. Sein ganzes Streben ist darauf gerichtet, helle und klare Ansichten zu verbreiten, und die vielfachen Jrrthümer seiner Zeit auf den Gebieten der Religion und Philosophie zu verdrängen. Besonders eifert er gegen die so häufige Einseitigkeit der menschlichen Geisiesrichtung und Thätigkcit, die er aus der trüben Quelle einer falschen Weltanschauung herleitend als zweckwidrig und verwerflich ausmalt. So wie Ln allen Naturgebilden eine Zusammenfügung zu einem Zwecke sichtbar sei, so soll auch im Reiche der Geister Alles einem Zwecke untergeordnet werden und alle Strahlen, die nach den verschiedensten Richtungen in die Gebiete des Wissens und Erkennens sich verbreiten, sollen einen gemeinsamen Mittelpunkt haben, von dem aus sie gleichmäßig vertheilt und beherrscht werden können. Nur die harmonische Verwendung der dem Menschen verliehenen Kräfte bilde den harmonischen Menschen, die Zierde der Schöpfung. Es soll der Mensch mit seiner Thätigkcit Rechenschaft halten wie ein Richter; denn cs heißt in der Schrift: „Und du sollst abwägen den Schritt Leines Thuns." Es dürfe z. B. Niemand denken, daß, weil Enthaltsamkeit eine große Tugend sei, er sich zurückziehen solle mit Weltverachtuug und dem nachgehen, was von dem Leben entfernt. Hiedurch würde er dem Weltzweck entgegenhandeln, und für ihn selbst alle Zurechnungsfähigkeit wegfallen, außer den vielen allgemeinen und besonderen Nachtheilen, die er zu ertragen hätte. Enthaltsamkeit sei nur da eine Tugend, wo Versuchung ist. Nicht die Versuchung zu fliehen, sondern im Kampfe mit ihr zu siegen, sei die große Aufgabe des Menschen. Dies und Anderes, worin sich ein gesunder und kräftiger Sinn offenbart, kann nicht genug gewürdigt werden, wenn man auf die Dumpfheit und Finsierniß blickt, in denen die Moral auf anderen Glaubensgebieten zu jener Zeit befangen war. Auf die breite, vollständige Entwickelung der Individualität dieses Mannes, auf seine Bildungsgeschichte, die ausführliche Erzählung seiner Lebensverhältnisse und dessen, was ihm an Freud und Leid begegnet, wie er von Afrika nach Babylon verpflanzt wurde u. s. w. müssen wir bei den sparsamen und zerstreuten Nachrichten aus jener Zeit verzichten, in der unsere alten Lehrer noch nicht zu dem Grade der Beschaulichkeit gelangt waren, in der man sich selbst zum Gegenstände von Beobachtungen macht. Der strenge Dienst der Idee ist das Ziel, das allen diesen Männern gemeinsam ist. Das Judenthum zu beobachten und darzustellen, ist ihr Zweck. Die stete Rücksicht auf das Religiöse bannt sie in einen bestimmten Kreis, in den sie Alles, was sie nur erkennen und erfassen, hineinzuziehen suchen. Aber immer bleibt es höchst interessant zu beobachten, wie innerhalb dieses ihnen zugewiesenen Kreises so mannigfaltige und reiche Schöpfungen ihnen möglich sind. Wenn früher der jüdische Geist mit mystisch-religiösen Anschauungen an die heilige Schrift ging, für diese Nahrung suchte und sie in der Erzeugung der Midraschim sich auch verschaffte, so trat man jetzt mit ganz anderen Bedürfnissen und Ansprüchen au das Bibelwort heran. Durch den Anbau der Naturwissenschaften, der Mathematik und der griechischen Philosophie hatten die Juden neue philosophische Gesichtspunkte gewonnen. Der mit aristotelischen Ideen getränkte Geist suchte einen andern religiösen AnhaltungSpunkt und fand ihn in der philosophischen Erläuterung der Schrift. Wie das philosophische Verlangen nur in selbstständigen Werken seine Befriedigung fand, so beschäftigte sich die Masse vorzugsweise mit der Poesie. Es spaltete sich die geistige Thätigkcit der Juden in zwei Richtungen, in die freie, streng wissenschaftliche und die poetisch-rationale, welchen beiden die Bibel hinlänglich reiche Ausbeute darbot. An Bildung konnte es im Judenthume nie fehlen. Die Verwendung des Inhalts der heiligen Schrift nach den geistigen und gemüthlichen Bedürfnissen ist eine Garantie für die Unmöglichkeit einer hereinbrechenden Barbarei, insofern unter Bildung verstanden wird der wache Sinn für eine Idee und die Fähigkeit, auf eine Idee einzugeheu. Ein seltsam klingendes, aber bedeutsames Wort enthält die Agada. Gott, heißt es, habe dem Adam ein Buch gezeigt, worin alle kommenden Zeitalter mit ihren Lehrern und Schülern verzeichnet waren. Die aus dem innigsten Bewußtsein hervorgehende feste Ueberzcugung, daß es den Juden in keiner Zeit an großen, hervorragenden Männern fehlen werde, läßt dies als im Plane der göttlichen Vorsehung begründet erscheinen. Ebenso sprechen es viele Autoren in den Einleitungen zu ihren Schriften mit dankbarer Erinnerung und Anerkennung aus, daß es den Juden nie an Persönlichkeiten gefehlt, auf die sie stolz sein können. Die glänzendste Epoche feierte die jüdische