Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-04-06 · Heft 15 (6.4.1846) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 15 (6.4.1846)
Date
1846-04-06
Page
Seite 224 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225459--07657-3238427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

224 ucn, gegen den sie eifern, cs würde ihnen ein Licht aufgehen, wie cs dem aufgeht, der aus der Unwissenheit in die Wissenschaft tritt." Tiefen hingeworfnen Ausspruch mittelst und aus der Hatacha zu begründen, war angemessen und lag der Tendenz der Vorlesungen sicher nicht so fern. .Herr Dr. Sachs hätte hier die natürlichste Gelegenheit gehabt zu siegen, ohne selbst die Waffen gegen den Feind zu richten. Er hätte uns das bewiesen, was wir ihm nun glauben sollen ohne Beweis. Tech dies ist nun einmal vorbei, und wir wollen uns durch diesen Rückblick nicht im Fortschritte hemmen lassen und kehren zu unsrer Aufgabe zurück. — Neun Jahrhunderte also war die wissenschaftliche Thatigkeit der Juden auf die Erzeugung und das Studium des Talmuds fast ausschließlich beschränkt. Mit eigcnthümlichen Bedürfnissen waren unsere Voreltern an das Bibelwort herangetreten, und an dasselbe auknüpfend hatten sie Neues erzeugt. So entstand einerseits die Halacha, der Inbegriff der erweiterten Lehren und Vorschriften, als Resultat für die Lebenspraxis, andrerseits die Agada, eine sagenrciche Ausschmückung der in der heiligen Schrift vorkommenden Sachen und Personen euthalteud. In den Midraschim sahen wir einen Kommentar zu den Worten der Bibel, der jedoch nicht in fortlaufender Reihe vorlicgt, sondern nur aus abgebroch- »eii Sätzen und Fragmenten früherer Vorträge besieht, die sich an das Bibclwort anknüpften. Attmälich nur gewinnen die Midraschim eine bestimmtere Gestaltung, und erst in den jüngsten Werken dieser Art besitzen wir vellführtc literarische Tenkmale von bestimmten Verfassern mit bestimmter Absicht angefertigt. Gewöhnlich lehnen sich die Darstellungen an einen Bibelvers, der aus dem Zusammenhänge gerissen, fast immer zu einer, seinem Sinne im Texte fremdartigen, aber geistvollen Deutung verallgemeinert und verbraucht wird. Wie z. B. an den Vers aus SXcl\: ,,Es giebt eine Zeit des Weinens und eine Zeit des Lachens :c." sich in einem der Midrasch, eine sinnreiche Darstellung des Lebens entschließt, das als ein beständiges Eutgegeuwirken von Extremen und Aufeinandersolgen der verschiedenen Gegensätze aufgefaßt wird. Diese Midraschim, die man paffend mit dem Namen Tendenzmidraschim bezeichnen kann, schienen die Aufgabe gehabt zu haben, gewissen Ansichten, die in der Zeit herrschend waren und den Prinzipien des Judenthums feindlich gegenüberstanden, entgegen zu arbeiten. So wird erzählt, daß eines Tages zwei Rabbincn einem Kranken begegneten, der sie um einen Rath fragte zur Heilung seiner Krankheit. Die Rabbinen riethen ihm, sich gewisse Kräuter zu suchen, die eine Heilung bewirken würden. Darauf richtete jener an sie die Frage, ob er berechtigt wäre, die bczeichneten Kräuter anzuwenden, da Gott es sei, welcher die Krankheiten sende und heile, und der Mensch, indem er eigne Mittel brauche, dem Willen des Allmächtigen vorzugreifen scheine. Die Rabbinen fragten ihn jetzt, was er für ein Gewerbe treibe, und als er ihnen gesagt hatte, daß er sein Feld und seinen Weinberg, von deren Ertrage er lebe, sorgfältig und mit Mühe bebaue, indem er das Unkraut jätete und die Reben beschnitte, so fragten sie ihn wiederum, wie er sich erdreisten könne, an das, was der Schöpfer hervorgebracht, Hand anzulegen, und die Form in der es hervorgegangen, zu verändern. Als er hierauf bemerkte, daß es schlecht mit dem Ertrage aussehen würde, wenn er dies nicht thäte, so zeigten sie ihm die Anwendung dieses Falles auf seinen eignen Zustand, und sagten, daß es die Aufgabe des Menschen sei, die Natur zu unterstützen, und das, was sie hervorgebracht, auf naturgemäße Weise zu seinen Zwecken zu modifiziren. Diese Erzählung deute offenbar auf jenen in der damaligen Zeit herrschenden Glauben an die Vorherbestimmung des Fatums hin. — In diesen nunmehr abgegrenzten und durch die Beobachtung einer bestimmten wissenschaftlichen Form sich von den früheren wesentlich unterscheidenden Midraschwerken sehen wir die Vorbereitung und den Ilebergang zu der spätem philosophischen Epoche. Auch die Halacha hatte ihre Abschließung erlangt, und ungefähr um's Jahr 589 stoßen wir auf die Gaonim, welche nach derselben über alle vorkommenden Rechtsfälle entschieden. Gaon war der Ehrentitel der höchsten Autorität für das religiöse Leben. Die Gaonate der Akademien Sura und Pumbedita waren die bedeutendsten und genossen das größte Ansehen. An die Stelle der hebräischen Sprache war die aramäische getreten, in der die Gaonim lehrten und richteten und in welcher die Targumim jetzt abgefaßt wurden. Für die Konstatirung des hebräischen Bibcltextes sorgten die Mafforeten, deren Bestrebungen in diese Zeit fallen, und denen wir e§ zu danken haben, daß derselbe durch die vielen Abschriften nicht korrumpirt worden ist. Als ein Uebergang in die philosophische Richtung der folgenden Zeit verdient am Schluffe dieser Epoche die Beschäftigung mit den Mysterien der Religion, welche damals an der Tagesordnung war, hervorgehoben zu werden. Eigenthümliche Vorstellungen dieser Art über die Weltschöpfung treffen wir in dem Buche Jezirah an. — Bedeutungsvoll für das jüdische Geistesleben ist das Auftreten des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.