Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1846)
- Date
- 1846-03-30
- Page
- Seite 209 (sequence 13)
- Language
- German
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209 ligionsgenofferi, welche den Glauben an die Möglichkeit einer Regeneration und eine noch zu erfüllende Aufgabe des Judenihums verloren haben, wieder volles Vertrauen zu der Lebenskraft desselben gewinnen werden. b) Wodurch wird aber die Vereinigung und Gleichmäßigkeit aller Partikularentwickelungen ermöglicht werden? Die Beantwortung dieser Frage hängt mit dem Vorhergehenden auf's Genauste zusammen und dürfen wir nur zusehen, zu welchen Ergebnissen die wenn auch anfänglich nur sporadisch wirkende und treibende Reformidee in der Neuzeit geführt hat, um sogleich den Ariadnefaden in das Labyrinth der Zukunft zu finden. Jede religiöse Reform hat nämlich ihre Wurzel in dem Widerspruch der Lehre mit dem Leben, der Theologie mit der Wissenschaft. Diesen Widerspruch fühlten, wie überall, so auch im Judenthum, zunächst nur einzelne besonders begabte und erleuchtete Männer, bis sich das Bedürfniß nach Reform in immer weiteren Kreisen geltend machte und nach Verwirklichung strebte. Besonders hat sich nun in unseren Tagen das Prinzip der Reform wieder mit erneuter Kraft Bahn gebrochen. Und zwar sind es zwei Institute, welche den beiden Momenten des Widerspruchs entsprechend mit historischer Nothwendigkeit in der letzten Zeit hervorgetreten sind, um die Brennpunkte zu bilden, in denen sich die Lichtstrahlen von allen Ecken und Enden Israels sammeln und vereinigen sollen. Die Rabbinerversammluug, eine Versammlung hochgebildeter Männer, ausgerüstet mit der ganzen Fülle thalmudischer Gelehrsamkeit, mit der umfassendsten Kenntniß der jüdischen Literatur sucht vom Standpunkt der jüdischen Geschichte und Religionswissenschaft eine Ausgleichung des positiven Judenthums mit dem Leben zu vermitteln und somit die Kluft auszufüllen, welche zwischen Israels Vergangenheit und Zukunft stets größer und unausfüllbarer zu werden droht. Ihr zur Seite steht die Genossenschaft für Reform im Judenthum, gebildet von Männern des Lebens mit Hellem und praktischem Blick und Energie des Willens; sie sucht vom Standpunkt der Wirklichkeit und der vorliegenden Thatsachen, dem unmittelbaren Bedürfniß ihres Herzens nachgebend, diejenige Umgestaltung unserer religiösen Einrichtungen herbeizuführen, welche dem von der Bildung der Zeit bedingten und modifizirten Religionsbewußtsein Befriedigung gewähren könne. Diese beiden Institute, die Rabdinerversammlnng und die Genossenschaft für Reform im Judenthum, welche dem Geiste des Judenthums angemessen freie Bereinigungen bilden, werden nun, wie der geehrte Redner des Weiteren ausführte, gleichwie sie selbst, trotz der verschiedenen Ausgangspunkte, sich indem gemeinsamen Ziele begegnen und vereinigen müssen, so auch die EiliLgungspunkte aller jüdischen Reformbestrebungen werden und somit auch die möglichste Gleichmäßigkeit in Ausbildung der jüdischen Lehre und deren Erscheinungsform bewirken. Jedoch soll hier unter Rabbinerversammlung und Reformgenossenschaft nicht etwa grade die jetzt bestehenden, aus bestimmten Männern zusammengesetzten, nach bestimmtem Statut geregelten Körperschaften verstanden werden, sondern diese beiden Anstalten überhaupt, wie auch immer zusammengesetzt und organisirt. Auch darf die geschichtliche Aufgabe, welche wir diesen Assoziationen zugeschriebea haben, nicht dahin mißverstanden werden, daß sie etwa um jeden Preis alle Parteien des Judenthums in ihrem Schooß zu vereinigen haben; vielmehr würden sie die Orthodoxen, d. h. die unbefangne einfältiglich-altgläubige Partei nicht nur auf keine Weise beunruhigen dürfen, sondern sie sogar als die personifizirte Vergangenheit des Judentums, als ein Moment innerhalb desselben für vollkommen berechtigt anerkennen müssen. Nur dem schwindsüchtigen, hohläugigen Judifferentismus, wie jenem stoßseufzernden Konservatismus, der mit sentimentalen Phrasen sein eignes zerrissnes Gewissen, wie den allgemeinen Riß zwischen dem alten und neuen Bewußtsein ausflicken zu können vermeint, werden jene mit aller Macht gegenüberzutreten, nur diesen werden sie die Berechtigung ihres Bestandes abzusprechen haben. 2) Welche Stellung wird das Judenthum und der Jude nach Außen hin einnehmen? Dies wird sich ergeben, wenn wir einen kurzen Blick auf das Verhältniß zwischen Judenthum und Christenthum werfen. Einst standen sich beide schroff gegenüber, jedes von beiden betrachtete das andre als die Verneinung seines eigensten Wesens. In welch' feindlichen Gegensatz sich besonders das Christenthum gegenüber dem Judenthum fand, davon giebt die Geschichte vielfaches Zeugmß. Aber jene Zeit ist schon längst vorüber; Judeuthum und Christenthum erkennen immer mehr, daß sie beide dieselbe Aufgabe der Versittlichung und Veredlung der Menschheit zu erfüllen haben, daß sie nur die zwei Arme ein und desselben Stromes sind, deren Wasser nur verschieden scheinen durch die verschiedenen Ufer, die sich in ihnen spiegeln, daß sie einander nicht sowol ausschließen als vielmehr ergänzen. Bei einer solchen Stellung beider Religionen zu einander konnte es nicht fehlen, daß auch das Verhältniß ihrer Bekenner ein wesentlich andres werden mußte. An die Stelle des Hasses und der Verachtung trat Bruderliebe und Anerkennung,