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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-03-30 · Heft 14 (30.3.1846) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 14 (30.3.1846)
Date
1846-03-30
Page
Seite 208 (sequence 12)
Language
German
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208 nicht sowol beseitigt oder auch nur verringert, sondern vielmehr gerade gesteigert. Der frische Frühlingshauch des stets reger und kräftiger sich gestaltenden europäischen Bölkerlebens drang immer mehr und mehr in die dumpfen Ghetto's der Juden ein und störte sie vollends auf aus ihrem langen, langen Winterschlafe. Halb wach, halb träumend noch eilten sie voll Angst und Unruhe an das Gitter ihres Kerkers, um zu sehen, wer denn wieder der unerwünschte Ruhestörer sei. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als ihnen nicht mehr der Dämon mittelalterlicher Verfolgungswuth mit blutdürstigem Auge entgegenstarrte, nicht mehr die dunkelschleichende Habsucht ihnen auflauerte, sondern Lu jugendlicher Fülle und Schönheit ihnen europäische Wissenschaft und Kunst, Bildung und Gesittung, Duldsamkeit und Humanität freundlich entgegenkam und ihnen die Bruderhand reichte! Viele verstanden die Sprache des heiligen Geistes, der über die Menschheit gekommen war, noch nicht, und hielten die ersten Liebesworte für gleißnerischen Sirenengesang, gegen den mau sich nur desto eifriger und fester zu verwahren habe; Andere hingegen, vorbereiteter und empfänglicher für den Ausdruck wahrhafter Menschlichkeit, wurden von namenloser Sehnsucht ergriffen nach der so lang vergessenen Welt, nach dem so lang entbehrten thatkräftigen Gemeinleben; im ersten Freiheitsrausche dem mächtigen aber unbestimmten Drange ihres Herzens nur zu sehr nachgebend, warfen sie all' und jede Positivität des Judeuthums, die ihnen als hemmende Fessel erschien, voreilig von sich und stürzten sich in die lebendig fluchende Strömung geschichtlicher Entwickelung. Allein hierbei begingen sie den großen Jrrthum, daß sie die Wiedergeburt durch das stagnirende Taufwasser des Christenthums mit dem echten Verjüngungsbade der Geschichte verwechselten, und daher die zahlreichen Uebertritte, welchen wir besonders zu Anfang unsres Jahrhunderts begegnen. Noch Andere endlich, in denen das Bewußtsein der Zeit nicht minder mächtig geworden war und die eben so wenig unter dem Schutthaufen verknöcherter, unschöner Formen den ewigen, nie alternden Kern des Judeuthums, der ihnen Befriedigung gewähren konnte, herauszufinden vermochten, denen aber jene Verwegenheit abging, rücksichtslos jeden Zusammenhang mit dem, was ihren Vätern und ihnen selbst einst das Höchste und Theuerste war, abzubrechen, zogen sich wenigstens von der lebendigen Gemeinschaft mit dem Judenthume zurück und nahmen eine völlig gleichgültige Stellung gegen dasselbe ein; es setzte sich der Jndifferentismus, jener Krebsschaden aller Entwickelung, in den Gemüthern fest. Doch diese Zeit des Jndifferentismus und des Uebertritts dauerte Gott sei Dank nicht lange und war nur die Zeit des Uebergangs zu einer gerechter» und tiefem Auffassung des Judenthums. Denn als gegen Anfang unsres Jahrhunderts die frisch aufblühende Wissenschaft die Dinge nach ihrem wahren Wesen und Bedeutung zu begreifen lehrte, mußte auch allmalich das oberflächliche Aburtheilen über das Judenthum und seine Geschichte, in welchem sich nicht selten eine gewisse Gehässigkeit gegen alles den jüdischen Namen Tragende oder jüdischen Ursprung Verrathende kund gab, allmalich einer gründlicher» Betrachtung weichen. Die Entstehung der jüdischen Wissenschaft, welche die aufgehäuften Wissensschätze des Judenkhums mit erstaunlichem Fleiße und kräftigem Geiste an's Tageslicht förderte, gab dem jüdischen Leben und Streben einen neuen Aufschwung und immer mehr und mehr mußte das Judenthum nach Innen und Außen die ihm gebührende Anerkennung finden, wodurch die Judenheit auch wieder dasjenige Selbstbewußtfein und diejenige Liebe zur angestammten Religion gewann, welche die sicherste Bürgschaft für die Nachhaltigkeit und den Bestand aller echten Bestrebungen derselben ist. Die ersten Früchte dieser großen Bewegung innerhalb des Judenthums sehen wir in den reformatorischen Versuchen zu Anfang des dritten Jahrzehend unsres Jahrhunderts. Zwar waren dieselben nur von kurzer Dauer, jedoch hatten sie thatsächlich den Beweis für die Dringlichkeit und Möglichkeit einer Reform des Judenthums geliefert, wie es ihnen auch zum großen Theil zuzuschreiben ist, daß der Gedanke der Reform für immer in der Judenheit Wurzel gefaßt hat. Das dunkle Drängen und Sehnen nach Verbesserung, nach einer Herz und Geist befriedigenden Gottesverehrung, nach Ausgleichung der Religionslehre mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Lebens hatte hier den ersten Anhaltspunkt gefunden, und die Reformidee ist seitdem der Leitstern geworden, indessen Lichte das Judenthum fortan ohne Abirrung sichern Schrittes seiner großen weltgeschichtlichen Bestimmung entgegengeht. Nach diesen unleugbaren Thatsachen nun, welche den Entwickelungsgang der jüngsten Vergangenheit bezeichnen, können wir mit voller Zuversicht hoffen, daß die Reformbestrebungen in Einzelnen wie in Gesammtheiten immer größere Verbreitung finden werden, daß die rheilnahmlose Gleichgültigkeit gegen das Judenthum immer mehr schwinden, daß sich mit der Zeit immer mehr Männer mit der ganzen Kraft ihres Denkens und Wollens den Interessen desselben zuweuden, und daß selbst diejenigen unserer Re-

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