Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1846)
- Date
- 1846-03-30
- Page
- Seite 207 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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207 Kurzem entbundenen Mutterschweines, die Hand auf die fünf Bücher Mosis gelegt, muß folgende Worte wiederholen: „Wenn du betrügest, sollst du beschmutzt und mit deinem eigenen Auswurse bedeckt werden, wie dies dem König von Babylon geschehen ist; das Feuer und Pech, welche auf Sodom und Gomorrha gefallen sind, sollen auch auf deinen Leib herabfließen und regnen; du sollst damit bedeckt werden, gleich Sodom und Gomorrha, zweihundert Mann hoch und noch höher, und die Erde zerschmettere dich und verschlinge dich wie Dathan und Abiron. Deine Feinde mögen dein Weib nothzüchtigen; das Blut und der Fluch, welchen dein Geschlecht über sich gerufen hat, indem es Jesus verdammte und marterte, und indem es sagte, daß sein Blut auf uns und unsere Kinder zurücksalle, mögen sich auf dich häufen, ohne sich je zu vermindern." Uebrigens waren die Formeln unendlich mannichfach. Im Jahre 1555 zeichnet Karl V. in seiner berühmten Ordonnanz vom Augustmonat eine besondere Eidesformel für alle seine Unterthanen vor, und legt den in seinen Staaten zerstreuten Juden folgende auf: „Adonai, Schöpfer des Himmels, der Erde und aller Dinge, der du auch der meinige und der aller hier anwesenden Menschen bist, ich rufe dich an bei deinem heiligen Namen in diesem Augenblicke, wo es sich darum handelt, die Wahrheit zu sagen, und ich schwöre bei ihm, die reine Wahrheit zu sagen. Ich schwöre folglich, daß. „Ich bitte dich also, Adonai, mir zu Helsen und diese Wahrheit zu bekräftigen; aber im Falle ich hierin einigen Betrug anwenden würde, indem ich die Wahrheit verheimliche, — soll ich ewig verflucht, vom Feuer, durch welches Sodom und Gomorrha untcrgingen, verzehrt und vernichtet, und mit allen in der Thora geschrieben stehenden Flüchen überhäuft werden, und der Ewige, der die Blätter, die Kräuter und Alles erschaffen hat, leiste mir niemals Hülfe noch Beistand in irgend einem meiner Geschäfte und in irgend einer meiner Mühen. Aber wenn ich wahr sage und gut handle, möge mir Adonai helfen, und weiter nichts!" Der Jude mußte, bevor er diesen Schwur ausr sprach, auf die Aufforderung der Magistratsperson anerkennen, daß die Christen nur einen einzigen Gott, den von den Juden selber angebeteten wahren Gott, anbeten; daß das Buch, auf welches er schwöre, wol das Buch wäre, welches jedem, sei es gegen Juden, sei es gegen Christen, geleisteten Eide Wirkung gäbe; daß der Jude gegen den Christen gehalten wäre, die Wahrheit zu sagen; daß sein Eid ihm weder Verschweigung, noch Ausflucht, noch wissentlichen Vorbehalt, gestatte. Er mußte sich außerdem die Hände waschen, sein Haupt mit dem Gebettuche (Tale») bedecken und sich mit ledernen Riemen umgürten. Die Zeremonie ging in der Synagoge von Statten. (Fortsetzung folgt.» Korrespondenz. Berlin, 3. März. Vorlesungen des Dr. S. Stern. VIII. Ein Blick in die Zukunft. Nachdem wir uns im Verlaufe unserer gemeinschaftlichen Betrachtungen das Judenthum sowol in fernen Grundideen als auch in seiner geschichtlichen Entwickelung vergegenwärtigt haben, dürfte es nicht zu kühn erscheinen, auch über die wahrscheinlichste Gestaltung und Stellung desselben in der Zukunft einige Ansichten und Hoffnungen auszusprechen. Und zwar sind es zwei Fragen, deren Beantwortung wir versuchen wollen: 1) Wie wird sich das Judenthum nach den untrüglichsten Symptomen der Gegenwart in seinem Innern gestalten? 2) Welche Stellung wird dasselbe nach Außen hin einnehmen? Die erste Frage zerfällt aber wiederum in eine zwiefache: a) In welcher Form und Fassung wird sich das Judenthum in Einzelnen und klemeren Gesammtheiten kund geben? und b) Wodurch wird eine Vereinigung und möglichste Gleichmäßigkeit aller Sondergestaltungen auf dem Gebiete der jüdischen Religion erzielt werden. a) Um diese Frage gehörig beantworten zu können, müssen wir einen kurzen Rückblick in die nächste Vergangenheit werfen. Schon lange vor Mendelssohn hatten sich vielfache Aeußerungen der Unzufriedenheit mit den bestehenden Formen und Gebräuchen des Judenthums vernehmen lassen. Diese wurde durch Mendelssohns edle Bestrebungen