Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1846)
- Date
- 1846-03-30
- Page
- Seite 202 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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202 daß in unsrer Zeit durch vieles Besprechen — eine Sache tobt gemacht wird. Unsre Zeit ist geneigt, mit dem Worte die Sache zu verdecken. Hat man erst ein scheinbares Wort gefunden, so glaubt man sich gerechtfertigt; und durch vieles Sprechen wird das Interesse erdrückt. Jndeß so traurig dies ist, so kann man sich demungeachtet dem nicht entziehen, man muß zuletzt wenigstens gesprochen haben. Darin stimmt man mit Ihnen überein, daß das hiesige Armenwesen ein sehr geordnetes ist, was die heimischen oder durchreisenden Armen betrifft, auch Las Armenkollegium ein sehr achtbares ist. Die ganze Polemik über diesen Gegenstand ist daher nicht im Geringsten gegen dieses Institut gerichtet, das am Ende doch seine bestimmte Instruktion haben muß. Freilich fragt es sich, ob die hier Studirendcn, wenn sie hülfsbedürftig sind, nicht entweder in die Kategorie der heimischen oder der fremden Armen gehören und demnächst ein jüdischer armer Student denselben Anspruch hat auf Unterstützung, wie wenigstens ein fremder Pole, Russe u. dgl.? Jndeß lassen wir dies; eine wahrhafte Wohlthat kann nicht ertrotzt, nicht erklügelt oder herausgeschmuggelt werden — sie muß vom Herzen kommen, eine freie That. Zwei Gründe sind es, die man der Forderung, die hiesigen jüdischen Studirenden zu unterstützen, entgegenstellt. Erstens: „ein Institut zur Unterstützung von Studirenden und Gymnasiasten errichten, hieße nur den Andrang zur wissenschaftlichen Karriere vermehren, welche jetzt so wenig glückliche Aussichten bietet, und von welcher man so viel wie möglich junge Leute abzuhalten suchen muß." Wie leicht ist es, diesen Grund zu beseitigen. Ich frage: soll Niemand mehr studiren? Gewiß nicht; wenn sich auch einmal ein kleine Zahl zu viel den Studien zuwendet, dürfen doch die Studien nicht aufhören. Nun, soll studiren das Monopol der Reichen und Bemittelten sein? Gewiß nicht. Folglich: es muß studirt werden, es müssen auch Arme studiren können, es müssen daher Arme im Studiren unterstützt werden. Dies ist Alles sehr einfach. Bedenkt man dabei, daß solche Unterstützungen sich doch nur auf die Nothdürstigsten und das Nothdürstigste beschränken werden: so ist dieser „Andrang zur wissenschaftlichen Karriere" durch das Bischen Unterstützen armer Studirender wahrlich noch nicht in Aussicht. Uebrigens kann man, glaube ich, von diesem Andrang unter den Juden noch nicht sprechen. Zur Medizin bestimmen sich in der Regel Bemittelte, weil das Studium zu kostbar — von diesen kann hier nicht die Rede sein. Aber zum jüdischen Lehrfach« haben sich noch lange nicht genug bestimmt, und der Mangel an tüchtigen jüdischen Lehrern ist noch immer fühlbar. Gut, so richte man auf diese insonders die Aufmerksamkeit! Zweitens entgegnet man: „Es würde sich dann eine Unzahl von Personen aus allen Provinzen des Staates in Berlin ansiedeln, um die Institute und den Wohlthätigkeitssinn der Berliner auszubeuten." Ich will von der Engherzigkeit dieses, sehr allgemeinen Grundes nicht sprechen. Sind Mittel vorhanden: gut, so kommet je mehr je besser! Sind sie nicht vorhanden, nun so hört es ja von selbst auf zu fließen, und der vorgebrachte Grund eludirt sich von selbst. Jndeß wir wollen hierauf nicht fußen. Dem angeführten Uebelstande kann man auf's Leichteste dadurch entgehen, daß man die Bedingungen, unter welchen unterstützt werde, genau feststellt. Also, zunächst werden unter den Studirenden nur die unterstützt, welche eine regelmäßige Gymnasialkarriere durchgemacht haben. An dieser einzigen Bedingung scheitert schon der ganze obige Grund, denn dann kann von keinem „Ausbeuten" die Rede sein, ja, es wäre noch wohlthätig wirksam, indem es unter der jüdischen Jugend die regelmäßige Gymnasialkarriere förderte. Unter den Gymnasiasten würden nur die unterstützt, welche regelmäßig «in Gymnasium besuchen und sehr gute Zensuren von ihren Lehrern vorlegen. Bet Festhaltung dieser beiden Bedingungen kann dir obige Befürchtung unmöglich eintreten. Ich fordere Jedermann auf, mich zu widerlegen. Breslau, 19. März. (Privatmitth.) Ein Ereigniß hat in unsre Gemeinde wiederum eine Aufregung gebracht, die viele Wochen die Gemüther beherrschen dürfte. Die Anwesenheit zweier Deputirten der berliner Reformgenossenschaft allhier, die namentlich mit den hiesigen Genossen wegen Abschickung von Deputirten zur Konferenz verhandelt, veranlaßte, daß Geiger am 18. d. an den Gemeindevorstand ein Schreiben geschickt, worin er darzuthun sich bemüht, daß er unmöglich länger diesen schwanken und kranken Zustand der hiesigen Gemeinde vertreten könne, daß die Gesammtgemeinde trotz der vorsichtigen Vorwärlskriecherei nicht unter eine Fahne zu bringen