Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1846)
- Date
- 1846-03-30
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
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199 Leitender Artikel. Magdeburg, den 20. März. Bo« der Lehre des Judenlhums. Hl. Von Gott. (Fortsetzung.) Tief jm Menschen lieget es, durch die Sünde sein Verhältniß zu Gott gestört zu fühlen, stch durch fie weit ab von Gott zu empfinden, sich der Strafe von Seiten Gottes verfallen zu wissen. Da nun ,,kein Mensch ist, der nicht sündige": so liegt es nahe, gerade hierin einen Mittelpunkt der Religion zu finden. Mehr noch als dem Drang nach Erkenntniß, mehr noch als dem Verlangen nach Hülfe in der Roth: verdankt die Religion ihren Ursprung der Sünde. Ja, war es doch selbst dem Menschen natürlich, das ihn betroffene Unglück auf eine Sünde zurückzuführen, die er begangen, bewußt oder unbewußt. Also das Gefühl und das Bewußtsein der Sündhaftigkeit ist ein bedeutsamstes Moment im Religionsleben der Menschheit. Von der andern Seite mußte aber die Möglichkeit, die Gottheit zu versöhnen, die Verzeihung derselben zu erlangen, die Folgen der Sünde dadurch abzuwenden, und wieder rein zu werden, eben so früh im Menschen hervorkommen. Konnte doch selbst der, welcher stch seinen Gott ganz menschlich dachte, schon an die Versöhnlichkeit seines Gottes glauben, der sich nur sehr verstockte Individuen unter den Menschen entziehen. Das Schuldbewußtsein des Menschen und die Versöhnung der Gottheit mußten daher stets einen Mittelpunkt in jeder Religion abgeben, und auch innerhalb des Judenthums muß die Lehre hierüber ein wesentliches Charakteristikum sein, so wie sie die Geburtsstätte deS^ ganzen kirchlichen Christenthums geworden. Die Frage ist aber.eine zwiefache, indem sie sowol eine Frage innerhalb der menschlichen Natur anregt, als auch eine andre innerhalb Gottes selbst. Die erste: inwieweit gehört die Sündhaftigkeit zur Natur des Menschen? Die zweite: wie verhalten stch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bei Gott, da die Befriedigung beider stch gegenseitig aufzuheben scheint? Die erste beantwortet die Schrift vor der eigentlichen Offenbarung, die zweite nach derselben. Denn offenbar hat Alles, was die Schrift berichtet, bevor sie zur Erziehung des israelitischen Stammes zur Offenbarung gelangt, also vor dem 12. Kap. des 1. B. Mofls, den inner» Zweck: die Ro thwendigkeit der Offenbarung für den Menschen zu erweisen. Hierin ist aber die Sündhaftigkeit des Menschen ein zu bedeutendes Moment, als daß sie nicht sofort Ln den Vordergrund treten sollte. Die Schrift erkennt eine Doppelnatur des Menschen, indem sie seinen Körper aus Erde bilden, diesen aber durch „Odem des Lebens" von einer gottähnlichen Seele beleben und bewohnen läßt. Diese Verschiedenheit von den übrigen Erdgeschöpfen erkennt sie insbesondere an, indem sie von seiner Schöpfung noch besonders refertrt (1. Mos. 2, 7). Die Sünde läßt die Schrift nun zuerst aus dieser Doppelnatur des Menschen hervorgehen, indem die Sinnlichkeit, wie sie aus den Trieben des Körpers sich entwickelt, der Boden der Sünde ist, dadurch, daß der Mensch seinen freien Willen der Sinnlichkeit unterwirft, und der Befriedigung ihrer Forderungen seine höheren Beziehungen opfert. Es ist bekannt, wie diese Lehre in der Allegorie *) vom Garten Eden und der ersten Sünde daselbst (Kap. 3) ausgesprochen ist. Alsdann aber giebt die Schrift als eine zweite Quelle der Sünde die innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich entwickelnde Selbstsucht an, wie sie (Kap. 4) in dem Kampfe Kajin's und Hebel's, der beiden Brüder, auSführr, durch welche die Leidenschaften des menschlichen Herzens oberhalb der Sinnlichkeit befruchtet werden. Nicht minder endlich macht die Schrift iw weitern Verlaufe bis K. 12 geltend, daß diese Sündhaftigkeit durch die Gesellschaft an sich verallgemeinert und immer weiter entwickelt ward. Weit demnächst davon entfernt, dem Menschen eine sogenannte „Erbsünde" zu imputiren, durch welche der Mensch mit der realen Sünde insizirt geboren werde: ertheilt dieSchrift ihm doch die Anlage, die Möglichkeit der Sünde durch seine Natur, die aber zu beherrschen, die Bestimmung des Menschen sei (1. Mos. 4, 7). Indem die Schrift also die Sündhaftigkeit des Menschen als eine von Natur in der Sinnlichkeit gegebene, von der Gesellschaft in der Selbstsucht beförderte und erweiterte Anlage vor der Offenbarung charakterisirte, um der Letztem Nothwendigkeit zu erweisen: konnte sie doch erst innerhalb der Offenbarung sie nunmehr vom höher» *) Ohne uns in einer weitern Auseinandersetzung ergehen zu wollen, weisen wir nur darauf hin, daß die Benennung „der Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen" der Erzählung den Charakter der Allegorie hinlänglich klar bezeichnet. S. unser Bibelwerk 1. S. 11 ff.