Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 13 (23.3.1846)
- Date
- 1846-03-23
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225457--07614-3238382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 moralische Gewalt angewendet, man hat ein bereits geschehenes Verlöbniß — und der Kundige weiß, wie groß und heilig ein Eheverlöbniß eigentlich nach unseren RLtualansichten ist — benutzt, um ein schriftliches Versprechen zu dem zu erhalten, was die Ueberzeugung des Individuums von selbst, ohne die Nöthignng der benutzten Umstände niemals gethan hätte! Da spreche man noch von Zesuitismus, von Inquisition — ist solch ein Verfahren nicht dasselbe? — Und wie thöricht! Was will man thun, wenn das Versprechen nicht gehalten würde? Etwa die Ehe wieder auflosen? einen neuen Cherem auflegen, um den Get zu erzwingen? Oder vor ein Tribunal fordern und einen Prozeß anhängig machen? Was will man thun, wenn die Person spricht: ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß ich schlecht gehandelt, indem ich die Schrift, freilich erzwungen, Unterzeichnete, und es ist meine Pflicht, jede schlechte Lhat zu verbessern?-Doch nein, so gescheidt waren die Urheber der That selbst: es sollte ja hauptsächlich eine Demonstration, eine faktische Exkommunikation sein, nachdem man sich bis jetzt mit. einer wörtlichen hatte begnügen müssen. — Wie aber? sollen diese Künste, diese Listen, diese heuchlerische Jntriguen, welche schon große Länder in Brand gesteckt haben, auch in Israel Eingang finden? auch hier Gewissenszwang und Pfaffentrug herzenmörderische Werkzeuge in der Hand der Hierarchie werden? Wahret euch! Wahret euch! Es ist Gefahr im Verzüge. Ja, meine Herren, Sie haben Recht gethan, sich dagegen zu erheben! Sie erfüllen einen heiligen Beruf, indem Sie Solches unter uns nicht aufkommen lassen wollen. Entlarven Sie und fordern Sie Rechenschaft! Und wie? wo haben Sie, wo haben wir, wo hat irgend Einer unter uns die Gewähr: wo dieses begonnene Werk stehen bleiben will? Sie kennen die Gewalt des. Chacham Baschi, d. i. des Oberrabbinen in Konstantinopcl, der den gebildetsten, tugendhaftesten, angesehensten Juden, wenn er jemals gegen irgend das kleinste Ritualgesetz gefehlt hat, niederlegen und ihm die Bastonnade geben lassen kann. Nun? verhehlen wir es uns nicht — von dem geschehenen Schritte bis dahin ist es nicht zu weit und wenn uns vor solchem auch das Staatsgesetz schützt: giebt es nicht ärgere Schläge als die Stockschläge? schmerzen Wunden des Herzens nicht mehr als ein wunder Rucken? Wenn erst in Israel ein Glaubenstribunal errichtet ist, wenn erst das Heiligthum der Familie belauscht wird, wenn erst Erfüllung oder Verletzung irgend einer Feremonialoorschrift Gegenstand der Untersuchung und Beurtheilung von irgend einem Chacham, Rabbinen, Dazan, Moreh Zedek rc. und danach mitten in unsere Lebensverhältniffe hineingegriffen wird — fragen wir uns, was dann aus der Religion Israels, die eben angefangen, mit neuem Flügelschlage wieder die Geister zu erheben, die Herzen zu durchglühen, werden soll? Nicht so, britische Brüder! An Euch ist es, das widrige Phantom zu verjagen, das so eben aufgetaucht, es in sein Nichts zurückzuweisen, aus dem es hervorgekommen, und diese Handlung der heuchlerischen Bigoterie zn desavouiren. Britische Israeliten, auf Euch sind jetzt die Augen des gebildeten Israels gerichtet — wischet den Flecken schnell ab, der auf Euch geworfen, die Schande, welche eine fremde, ihr Geburtsland verleugnende Hand Euch aufgeheftet hat! Niemals können wir zugeben, daß diese Handlung im Dienste der wahrhaften Orthodoxie, im Dienste des echten Konservatismus geschehen. Jede religiöse That muß offen geschehen und auf freier Ueberzeugung beruhen. Niemals wird eine religiöse Ansicht durch Zwang, Unterschrift, Klauseln, Bedingungen gehalten. Niemals sind dem Gotte Israels Hinterlist und Gewalt ein angenehmes Opfer. Sondern, es ist lediglich Parteiintrigue, es ist die Selbstsucht, die sich die Bahn hierarchischer Gewalt öffnen will, und darum der Parteiverblendung schmeichelt; die sich des Beifalls einer Partei erfreuen will, um durch sie die Gewissen zu knechten. Wolan, meine Herren, ermüden Sie nicht, diese finsteren Bestrebungen zu bekämpfen: und so gewiß der Tag über die Nacht Herr wird, so gewiß werden Sie siegen, unter dem Schutze und dem Segen des Einigen, den wir bekennen! Dr. Ludwig P hilip pson. Zeitrmgsnachrichten. Preußen. Breslau, 11. März. Bor längerer Zeit machte der Rabbiner vr. Geiger eine Eingabe beim Senat der hiesigen Universität, in welcher er die Ausdehnung der Wohlthat der königl. Freitische auf die jüdischen Studirenden nachsuchte. Der Senat lehnte aber dieses Gesuch ab, worauf i)r. Geiger ein be-' sondcres jüdisches Stift für Freitische jüdischer Studirender in Anregung brachte. Dieses Stift wird