Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 13 (23.3.1846)
- Date
- 1846-03-23
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 sich;u rechtfertigen, so man wider versuchtes und geschehenes Unrecht seine Stimme erhebt. Seitdem in Deutschland zum ersten Male versucht ward, den israelitischen Gottesdienst von den Mißbräuchen zu reinigen, die sich in einer trüben Zeit eingeschlichen, die Auswüchse abjuschneiden, die aus furchtbarer Bedrängniß und aus Unbildung und Geschmacklosigkeit üppig hervergewuchert, ihn ursprünglicher Reinheit und Einfachheit zurückzugeben, und den Bedürfnissen der erlangten Kultur Eingang zu verschaffen: erhoben die Gegner zu verschiedenen Zeiten ihre mißbilligenden, zurückftoßenden Stimmen, ja, erklärten den irgendwie veränderten Kultus für unberechtigt. Eifern wir hiegegen nicht. Die Freiheit, welche wir beanspruchen, wir haben sie auch der entgegengesetzten Meinung nicht zu verkümmern. In dieser Angelegenheit können wir nur zwei Richter anerkennen: die parteilose historische Forschung und die Zeit. Beide haben entschieden. Jene hat siegreich gezeigt, wie der bestehende Gottesdienst geworden, wie er anderthalb Jahrtausende hindurch sich nach und nach entwickelt hat, nach und nach zu dem geworden, nach und nach herangewachsen, nach und nach verunstaltet worden. Es kann da keine Frage sein, ob wir abthun können aus dem Bedürfniß der Zeit, was wir angenommen nach dem Bedürfniß seiner Zeit? ob mobil ist, was anderthalb Jahrtausende mobil gewesen, und was erst die letzten drei Jahrhunderte aus Mangel an jeder GeisteSbewegung immobil gemacht haben? Auch die Zeit hat entschieden. Denn wer nur offene Augen hat, kann sehen, daß diese Umgestaltung des Gottesdienstes keine lokale, keine ephemere mehr ist, sondern jede Stadt, jedes Dorf ergriffen hat, daß ihr die ganze kommende Generation gehört, ja — daß sie eine Wahrheit geworden. Dennoch, sage ich, ereifern wir uns nicht, wenn von Zeit zu Zeit einige ältere, im stabilen Elemente, ohne Kenutniß der Welt, ohne Begriff der Geschichte ergraute Männer ein verwerfendes Urtheil aussprachen. Wir können glauben, daß sie es aus ihrer Ueberzeugung heraus thaten; und jede Ueberzeugung muß geehrt werden. Traurig genug, ein Geschlecht um sich aufwachsen zu sehen, das man nicht versteht, und von dem man nicht verstanden wird. Traurig genug, wenn man kein Auge hat für die ewigen Wahrheiten unsrer Religion, für die wesenhaften Säulen derselben, und mit blödem Blick einige äußere Schnörkeln und veraltete Zierrathen dafür ansieht. Ja, mischten dann auch von Zeit zu Zeit in diese Verwerfungen und Verdammungen jüngere Männer ihre Stimmen, Männer, denen man ein richtigeres Verstand, niß unsrer heiligen Religion und ihrer Geschichte Zutrauen konnte, so daß der Vorwurf der Heuchelei zu dem der Verblendung hinzukam — dennoch konnte man ruhig und besonnen dem begegnen — mag Jeder seinen Weg gehen, den er zu Gott führend glaubt. Aber, meine Herren, jetzt ist ein Andres geschehen — jetzt hat man, nicht versucht, sondern verübt, was kein Urtheil, keine Meinung, sondern eine schwere, verhängnißvolle That, ein Faktum ist; man hat in das Heiligthum der Familie gegriffen, und das zarteste Band, das der Liebe, und das heiligste Band, das der Ehe, zu einem Seit, zu einer Fessel, zu einer Kette gemacht, um die Gewissensfreiheit zusammenzuschnüreu — — da kann die Ruhe nichts Helsen, da ist Geduld ein Verrath au Menschenthum und Religion — das darf nicht geduldet, das muß unterdrückt werden! Ich weiß nicht, meine Herren, wie groß die Anzahl Ihrer Gemeindemitglieder, und wie groß die Zahl derer in Großbritanien ist, die Ihrer Gesinnung, wenn auch nur stillschweigend, angehören. In Deutschland aber ist es anders. In Deutschland gehört dem umgestaltcten Gottesdienste die Hälfte des jetzt lebenden Geschlechts und wenigstens drei Viertel des aufwachsenden Geschlechts an. Mit jenem Faktum hat man aber alle Juden, die der Umgestaltung des Gottesdienstes zugeneigt sind, für Nichtjuden erklärt, sie außerhalb der religiösen Gemeinschaft gesetzt, ja, jenes Gebot auf sie angewandt, welches ausgesprochen ward hinsichtlich der kanaauitischen Götzendiener: „du sollst deine Töchter ihren Söhnen, deinen Söhnen ihre Töchter nicht geben!" Würde diese Glaubenspest nach Deutschland verpflanzt, so würde das ganze deutsche Judenthum verpestet, und ein riesengroßes Unheil für unsre Religion und unfern Stamm daraus erwachsen! Eine Spaltung, ein Kampf würde daraus entstehen, an welchen das Judenthum selbstmörderisch zu Grunde gehen müßte. Ja, eine Fackel hat man hereingeworfen, die wir auf alle Weise ersticken müssen, oder sie setzt unser ehrwürdiges Haus in vollen Brand. Das darf nimmer geschehen; daran, Brüder, lasset uns alle Kräfte setzen! Dies ist die eine Seite dessen, was in Ihrer Mitte geschehen, die Konsequenzen. Aber nun die Sache selbst. Man hat eine Abschwörung erzwungen, man hat, nicht etwa Ueberredung, Ueberzeugung, Gründe — nein! man hat Zwang angewendet, um ein schriftliches Versprechen zu erlangen; man hat, nicht einmal plumpe, materielle Gewalt, sondern, was schrecklicher ist,