Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1846)
- Date
- 1846-03-16
- Page
- Seite 176 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Verfahren in ähnlichen Fällen bei anderen jüdischen Gemeinden. Bis zum Datum der Urkunde, über die wir so eben unsere Bemerkungen machen, hatte man es, unsres Erachtens, nie als Grundsatz aufgestellt, daß schon eine bloße Abänderung des Rituals, ganz abgesehen von der innern Beschaffenheit derselben, gleich wäre einem gänzlichen Abfall von Israel. Hätte man sie wirklich als solchen betrachtet, wie sollten wir es erklären, daß seit Jahrhunderten unter Israeliten verschiedener Länder eine Menge verschieden abgefaßter Gebetbücher gleichzeitig gebraucht werden, ohne deshalb die Einheit Israels irgendwie anzutasten? Wie sollen wir die widerstreitenden Verschiedenheit erklären, welche in unseren Tagen und inner, halb eben dieses Ortes stattfinden zwischen dem Rituale der deutschen und dem der portugiesischen Juden, wenn diese nichts desto weniger verharrn in ungestörter Glaubensgemeinschaft? In vielen Städten Deutschlands haben unsere Brüder in ihre besondere Rituale Veränderungen ausgenommen, welche an Umfang und Charakter die unseren bei Weitem übertreffen. Wäre nun jeder besondere Fall solcher Veränderung mit dem Bannfluch heimgesucht, wie es gegen uns geschehen, so wäre das Judenthum mit einem Hiebe in Bruchstücke zerschlagen; es müßte sich im zivilifirten Europa als aufgelöst erklären, und so würde der Haß der ärgsten Feinde unsres uralten Glaubens durch unfern eignen Wahnsinn gesättigt sein. Daß dies nicht erfolgt ist, kommt daher, daß man einen Unterschied in der Form eines Gebetes nimmer als genügend betrachtet hat, um die Gemeinschaft am Judenthume abzubrechen, oder um Israel in eben so viel Stücke zu zertrümmern als es verschiedene Arten seines Rituals giebt. Andererseits, will man vielleicht behaupten, daß durch das Wesen unserer Veränderungen in den Gebeten unsre Stellung verschieden ist von der unsrer Vorgänger in der Reform? Wolan denn! wir sind es vollkommen zufrieden, uns an die Entscheidung jedes unparteiischen Richters zu halten, der den Geist beobachtet, von dem wir geleitet wurden in der Auswahl von der gewöhnlichen Liturgie der deutschen und der der portugiesischen Juden. Mag doch irgend ein Gebet vorgezeigt werden, welches die Gelehrten der orthodoxen Synagogen als ein wirkliches Vermächtniß der großen Synode anerkennen, und man wird eS eiuverleibt finden dem Gebetbuche der West- London Synagoge. Wir haben in der Absicht gehandelt, in unsrem Führer der Andacht das Ganze der jüdischen Glaubenslehre darzustellen, indem wir in der That ohne alle Ausnahme die dreizehn Glaubensartikel aufnahmen, welche Maimonides als den Inbegriff alles dessen betrachtet, woran seit Offenbarung unsrer Religion der gläubige Israelit geglaubt hat. Daß wir die Ausdehnung des Rituals vermindert haben, ist wahr; doch dafür beanspruchen wir Anerkennung und nicht Verdammung, da wir darin von Gewissenhaftigkeit geleitet wurden, nicht von Oberflächlichkeit. Wir verkürzten jene langen Wiederholungen, welche in den alten Ritualen stets unverändert vorkamen. Wir beachteten die Unmöglichkeit, eine angehäufte Menge von Gebeten, das Erzeugniß verschiedener Zeitalter, mit jener gespannten Aufmerksamkeit öfters zu wiederholen, die das heilige Geschäft des Betens durchaus erfordert, und die man daher erleichtern sollte, nicht aber hemmen. Wir erwogen die Nothwendigkeit, für regelmäßige Belehrung von der Kanzel herab zu sorgen, für die kein genügender Zeitraum angewiesen werden konnte, wenn nicht die Gebete, wo es ihr Wesen am Meisten gestattete, in eine kürzere, kräftigere Form gebracht würden. Endlich hielten wir's für unsere Pflicht, das öffentliche Hersagen von Formeln abzuschaffen, die zwar in unseren alten Gebetbüchern Vorkommen, die aber nach dem lange schon ausgesprochenen Urtheile aller Sachverständigen, keine Verwandtschaft haben mit einem Gottesdienste, und zu jedem andern Zwecke eher dienen könnten, als zur Anbetung und Danksagung *). Und dennoch, wiewol der durch Dr. Htrschels Warnung uns angeheftete Tadel so gänzlich unverdient war; obgleich diese Urkunde aller Begründung ermangelte durch etwa vorhergegangene ähnliche Beispiele, durch die für dieselbe angegebenen Gründe, und durch jeden Grund, den man etwa hätte angeben können: so enthielten wir uns dennoch es darzuthun, wie tadelnswerth das Benehmen der vereinigten Beth-Din war, einen Fluch über ihre Glaubensgenossen ausznsprechen, ohne zuvor ihre Vertheidigung anhören zu wollen, weil wir aufrichtiges Mitleid fühlten für den Zustand körperlicher und geistiger Abgelebtheit, in weichen der selige Dr. Hirschel durch hohes Alter zu der Zeit versetzt war, als man ihm die Feder in die Hand gab, um der Bannbulle seine Unterschrift zu leihen. Dieses Gefühl von unsrer Seite theilten Hunderte unserer jüdischen Brüder, die nicht unsrer Synagoge angchörten. Jeder selbstständig Denkende, dessen Zuuge nicht im Zaume der Abhängigkeit war, mißbilligte den Cherem. Indem es aber nach dem natürlichen Laufe der Dinge *) S. die Einleitung zum ersten Bande der Gebete, gebraucht in der West-London-Synagoge britischer Juden.