Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1846)
- Date
- 1846-03-16
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225456--07603-3238370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 sehen noch ihrer Lösung entgegen. Und so schließe ich diesen Bericht mit dem Wunsche, daß das Edle und Schöne, wo und wie es sich zeige, auch überall bereitwillige Nachahmung finde. Es fehlt jetzt, Gott Lob! fast in keiner Gemeinde mehr an Männern, welche den Geist der Zeit erfassend zur Lösung der von dieser gesetzten Aufgaben Macht genug in Händen besaßen. Möge es diesen aber auch nicht an Energie und Ausdauer zur Durchführung jener Aufgaben fehlen, mögen sie unermüdet ringen und wirken, zur Ehre Gottes, zur Ehre Israels, zur Ehre ihrer selbst. Mögen auch diese Worte nicht spurlos verhallen. S. B ach er. Pesth, im Januar. (Privatmitth.) Die jüdische Wohlthätigkeit bewährt sich auch jetzt in der hier herrschenden Theuerung, indem mehre Reiche wöchentlich mehre IVO Laib Brod und Pfund Fleisch vertheilen lassen. Auch einen Gewerbverein giebt es hier, dessen Aufgabe es ist, israelitische Knaben in die Lehre zu geben, nach der Lehrzeit den Gesellen ein Biatikum zu reichen, und den sich etablirenden Meistern einen Borschuß zu leihen. Allein derselbe hat noch vielfache Mängel, auf die aufmerksam zu machen einem Erfahrenen wol gestattet sein mag. Zuerst, warum werden für die Lehrlinge keine Prämien ausgesctzt? warum muß der Lehrling nicht halbjährig eine Arbeit dem Gewerbverein zur Ausstellung aufweisen, wie dies in Frankreich geschieht? Alsdann: warum giebt der Gewerbverein nicht auch einen Anhalt-, einen Mittelpunktab für die Gesellen, welche beim Mangel schützender Gesetze unter Borurtheil und Haß zu leiden haben, und keinen Arbeitsplatz finden können?*) Ferner: warum wird nicht ein erfahrener Meister in den Ausschuß gewählt, um in diesen Angelegenheiten als Praktiker mitzusprechen? Wenn es noch nothwendiger ist, den Handwerkerstand zu erhalten, als einen solchen heranzubilden, so muß ich den größten Uebelstand darin finden: daß *) Erst neulich wurde ein christlicher Gclbgleßermeister in Ofen durch seine Mitmeister gezwungen, einen jüdischen Gesellen zu entlassen, trotzdem jener fich möglichst sträubte, und geantwortet hatte: „er habe des Juden Person aber nicht seinen Glauben in Dienst genommen." Korresp. die reicheren und vornehmeren Israeliten den jüdischen Meistern ihre Kundschaft nicht zuwenden, und sie dadurch den kläglichsten Mißverhältnissen überlassen. Gott bewahre mich, einer Absonderung hier das Wort zu reden! Weder ist dies meine Absicht, noch würde mir in solchem Falle die Redaktion dieses Blattes das Wort verleihen. Allein das jüdische Handwerkerthum ist noch eine zarte Pflanze, die einer besondern Pflege bedarf, und will man damit die Bessrung und Hebung der jüdischen Masse bezwecken, und diese dadurch zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft machen, so sind auch besondere Mittel nothwendig, die schwinden werden, wenn erst die Ausgleichung der Berhältnisse errungen ist. Es ist aber notorisch, daß der jüdische Meister schwer und selten Kundschaft in christlichen Kreisen, hier zu Lande, erhalt. Der begüterte Kreis der Juden entzieht sich ihm aus Affektation ebenfalls, der Mittelstand aber drückt die Preise möglichst herunter, und bedarf nur mittelmäßiger Arbeiten: wie soll daher der jüdische Meister zu höherer Ausbildung und zu mäßigem Nahrungsstande gelangen? Wir haben hier Schneider, Schuster, Tischler, Tapezierer, Posamentirer, Maler, Spengler, Seifensieder, Uhrmacher, Goldschmiede, Glaser, Kürschner, Kappelmacher, Uhrmacher, Lithographen, Graveure rc. k. — aber welch' kümmerliches Dasein haben die Meisten? wie sollen sie sich aus der Mittelmäßigkeit erheben, wenn ihnen alle bedeutenderen Arbeiten vorenthalten werden? — Die Wirkung dieser Mißstände sieht man auch in der Legion Zündhölzerbnben, die sich hier Herumtreiben; nicht selten sieht man Schneider, Maler, Glaser rc. mit dem Kram auf dem Rücken; nicht selten erkennt man in einem Lazzaroni mit gebratenen Gänsen und Kastanien einen ehemaligen Handwerker!! Wie tief erschüttert eine solche Beobachtung den Einsichtsvollen, dem das Wohl seiner Mitmenschen am Herzen liegt! Wie sehr muß er wünschen, daß energische Männer sich dieser Uebelstände annehmen und einen bessern Aufschwung zu bewirken suchen mögen! Ein Trost ist es hier, durch die neueste Wahl den energischen Herrn I. Kunewalder an die Spitze des Vereins als ersten Borsteher getreten zu wissen. 12*