Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1846)
- Date
- 1846-03-16
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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171 und Synagogenwesen nicht mehr die Spalten Ihres Blattes in solcher Ausdehnung wie ehedem öffnen können, so gicbt sich der Schreiber dieses doch der Hoffnung hin, daß Sie aus erwähnter Ursache mit beifolgendem Berichte eine Ausnahme machen, und denselben Ihren Lesern vollständig miltheilen werden. Bor ungefähr einem halben Jahre las man in diesen Blättern (No. 36 v. I.) einen von der hiesigen Gemeind« ausgeschriebenen Konkurs auf vier zu besetzende Lehrerstellen an einer daselbst zu errichtenden Schule. Diese Anstalt ward also schon im Beginne und noch vor ihrem Entstehen der Oeffentlichkeit übergeben und vor das Forum derselben gezogen. Wenn ich daher jetzt über das Gedeihen und den guten Fortgang derselben rcferire, so bin ich weit davon entfernt, Einzelnen Weihrauch zu streuen und Lobreden halten zu wollen, sondern glaube dem größer» Publikum gegenüber eine bloß schuldige Pflicht zu erfüllen. Im Interesse unserer Glaubensgenossen hier zu Lande hingegen kann eine solche Mitrheilung nur verdienstlich heißen. Denn leider, wir müssen es offen gestehen, trotz den redlichen Bestrebungen der Besseren, trotz der immer an Raum gewinnenden Ueberzeugung, daß das Wohl und Weh, und in gewissen Beziehungen sogar die Erhaltung unsrer Religion bloß von einem geregelten zweckmäßigen Unterrichte der Jugend abhänge, können doch jene Lehranstalten, welche den Namen einer Schule wirklich verdienen, bei uns noch an den Fingern hergezählt werden. Und zwar ist die Ursache dieser traurigen Erscheinung weniger in der Hüls- und Mittellosigkeit der Gemeinden, weniger in dem Stabilitätssysteme der Rabbiner, als vielmehr in der chaotischen, regel- und statutenlosen Organisation dieser Gemeinden zu suchen und aufzusinden. Denn wahrlich! bei der wirren, bald anarchischen, bald autvkratischen Verfassung der ohne alle höhere gesetzliche Beaufsichtigung sich selbst überlassenen ungarischen Gemeinden vermag es bald der böse Wille, bald das Selbstinteresse, oft der Fanatismus, und noch weit mehr und öfter der Jndifferenkismus Einzelner, durch die Macht des Geldes bloß an die Spitze der Verwaltung stehenden Individuen sich Jahrelang hindurch als Damm allm noch so dringend erforderlichen Einrichtungen und Institutionen entgegenzustemmen. Bis nicht dieGemeinden aus dieser unwürdigen Abhängigkeit und Unmündigkeit her- * austreten; bis sie nicht zum Selbstbewußtsein gelangend, das sich selbst aufgebürdete Joch der Aristokratie frei und muthig abschütteln, wird das Errichten von Schulen oder sonstigen heilsamen Anstalten noch stets zu den Seltenheiten gehören müssen. Intelligenz und Bildung, mögen sie sich noch so sehr verbreiten, finden stets an der Willenlosigkeit und dem oft kindischen Eigensinn dieser kleinlichen Gemeindedespoten ihre mächtigsten Gegner, gegen welche sie meistens vergeblich und erfolglos ankämpfen. Es muß ein Verein sehr vieler glücklicher Umstände dazu gehören, das Bedürfniß nach irgend einer Anstalt muß in allen Theilen und Klassen einer Gemeinde sich schon sehr fühlbar und lebhaft gemacht haben, wenn eine solche Anstalt ohne Mitwirkung oder gar gegen den Willen des unumschränkt gebietenden Krassus in's Leben treten soll. Man kann diesen Worten um so eher Glauben beimessen, indem sie aus der Erfahrung geschöpft sind. Auch unsre Gemeinde hatte, bis es zur Gründung einer Schule kam, erst einen solchen Gährungsprozeß durchzumachen. — Nicht die Großherzigkeit einzelner geldopfernder Reichen, sondern bloß der energische Gesammtwille der zur Mündigkeit und zum freien Selbstbewußtsein gelangenden Gemeinde rief diese Anstalt in's Dasein. Aber auch eine ganze, während der Dauer dieses Gärungsprozesses in den Chedarim verkümmerte Generation fiel als Opfer jenes herzlosen selbstsüchtigen Manoeuvres. Doch ich will jetzt nicht klagen. Die Leser dieses Blattes hörten schon von hier aus Variationen genug über dieses traurig monotone Thema. Ich freue mich vielmehr, daß ich Fröhliches berichten kann. Manchen Gemeinden in diesem Lande, welche vielleicht die Nachricht von der glücklichen Organistrung unsrer Schule zur Nachahmung und Nacheiferung anfeuern wird, wollte ich nur mit Obigem zugleich den Sitz des erst zu beseitigenden Uebels anzeigen. Und daß auch das Beispiel unsrer Gemeinde vielen Anderen zum Vorbilde dienen wird, bin ich völlig überzeugt. Auf viele unserer Nachbargemeinden muß dieses überhaupt einen wohlthätigen Einfluß ausüben*). Das gegen *) So z. B. die benachbarte zahlreiche Gemeinde zu Unsdorf. Wenn auch im Besitze eines bedeutenden zu diesem Zwecke bestimmten Richmanschen Legats, konnte oder wollte sie sich bis jetzt noch nicht zur Gründung etner ihrer würdigen Schulanstalt erheben. Korresp.