Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1846)
- Date
- 1846-03-16
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225456--07599-3238366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
169 Ob es nun auch wol in China Daumer's und Ghylani's giebt, die Nachweisen, jene Beschuldigungen der Christen seien wohlbegründet? Warum nicht? sagt das Evangelium doch irgendwo: reiß dein Auge aus, wenn es dich ärgert! Hat doch Jesus eine Ehebrecherin von der Steinigung gerettet! Oh, solange die Christen in China nur eine Handvoll Menschen sind, wird es nicht an Schriftstellern und Regierungsbeamten, am Wenigsten aber an Bonzen fehlen, die ihnen die gräßlichsten Dinge ausbürden. Nächstens tritt hier eine neue und schönere Ordnung in der Leichenbegleitung in's Leben, und wird von Seiten der Todtengräber-Brüderschast ein fester Tarif für sämmtliche Kosten, die Leichenkleider inbegriffen, publizirt. Die sogenannte neue Beerdigungsgesellschaft vergütet ihrerseits ihren Mitgliedern aus dem Ertrage ihres Kapitals zwanzig Thaler bei jeder Beerdigung. Ferner wird die vom Tempel begründete Religionsschule nun nächstens eröffnet werden; das Programm, welches noch nicht erschienen ist, enthält hebräischen Unterricht bis zum praktischen Uebersetzen der Thora. Dieses Institut*) wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach eines großen Zulaufs erfreuen, es entspricht, da es sich nicht auf die Tempelbesucher allein beschränkt, einem allgemeinen Bedürfniß und wird, verständig geleitet, gewiß viel dazu beitragen, die in letzterer Zeit viel freundlicher gewordenen Beziehungen zwischen Synagoge und Tempel noch mehr zu ebnen. Die hiesigen öffentlichen Warteschulen haben auf geschehenes Ansuchen die Einrichtung getroffen, daß jüdischen Kindern bezüglich der dort dargereichten Speisen kein Hinderniß mehr im Wege liegt: in Folge dessen sind neulich 10 Judenkinder an einem Tage ausgenommen worden. In unsrer Nachbarstadt Altona werden Bürger jüdischer Religion unbedenklich in den neugestifteten Bürgerverein ausgenommen, während hier in Hamburg jüdischen angesehenen Kaufleuten die Versammlungen des Kommerziums verschlossen bleiben, weil — wie ein ganz wohlwollender Christ ernsthaft erklärte — sie im Reden noch immer oft Fehler gegen Grammatik und Aussprache machen. Da bringe Methode hinein, wer da kann! *) Es ist doch merkwürdig, daß erst 26 Jahre vergehen mußten, bevor der Tempel sich eine regelmäßige ReligionSschule schafft! Siedakt. Vor 6 Wochen wurde bei einer Feuersbrunst in Altona ein Theil der nebenan lagernden frischen Mazzoth beschädigt. Der Besitzer verlangte von den Versicherern auch Ersatz für die als gesund geretteten, weil solche, indem sie in nicht auf's Passahfest qualisizirte Körben und Kasten gebracht, und daher für ihre Bestimmung untauglich geworden waren. Dies hätte einen interessanten Prozeß abgeben können, da indeß der Werth nur ein Paar hundert Thaler war, so ward ein gütlicher Vergleich geschloffen. Die Voice ok Jacob vom 27. Februar berichtet, daß Sir Moses Montefiore in Hülfangelegenheiten der russischen Juden bereits abgereist ist, und bringt ein ebräisches (!!) Gebet, das der Oberrabbiner Adler seinetwegen in der Synagoge abgehalten. Welch eine Stellung könnte dieser Rabbiner einnehmen, wenn er sich nicht von vorn herein zum Seidon des leidenschaftlichsten Fanatismus gemacht hätte! Denn handelt der Czar am Ende nicht gerade so, als ob Herr Adler sein Beichtvater wäre? *) München, 22. Februar. (Fr. I.) Die zeitgemäße Frage über die Verhältnisse der Juden in Baiern wird von unseren Kammern sehr warm beantwortet werden. Vergangenen Freitag den 20. d. M. wurde, wie bereits baierische Blätter ausführlich berichtet haben, eine neue Petition von den Israeliten der Stadt Bayreuth der hohen Kammer der Abgeordneten übergeben. Der Landtagsdeputi-rte, Hr. Fabrikant Sattler aus Schweinfurt, sprach bei dieser Gelegenheit folgende recht erhebliche Worte: „Neue Petitionen sind wol von und über diesen Betreff nicht mehr nöthig; der Ausschuß ist bereits mit seiner Arbeit soweit vorgeschritten, daß die Tagesordnung demnächst eine Debatte verkünden dürfte. Schon im Jahr 1819 kam diese Lebensfrage vor das Forum der Kammer; damals waren wir noch Jünglinge, jetzt sind wir Greise; die Sache steht noch beim Altem und Gott gebe nur, daß wir diese Schuld nicht mit in's Grab nehmen." Preußen. Magdeburg, 9. März. (Privatmitth.) Wir *) Man denke an den Bann, den Adler auf die Synagoge in Burtonstreet gelegt! Redakt.