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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-03-09 · Heft 11 (9.3.1846) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 11 (9.3.1846)
Date
1846-03-09
Page
Seite 161 (sequence 9)
Language
German
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161 So wird's allen Gemeinden ergehen, die bei geringen Kräften Alles gleich an Umfang und Gehalt den Wienern und Pesthern gleich machen wollen. — In Papa war gerade bei meiner Anwesenheit schreckliche Ausartung und Tumult in den Synagogen. Die gegenwärtigen Vorsteher werden ihre liebe Noch haben, das dortige zahlreiche ‘vn zu zügeln. Da hat die Orthodoxie ganz eigene Waffen, da spricht sie fleißig von Todtschlagcn, Kaltmachen, Kopfspalten u. dgl. — eine zarte, gottgefällige Richtung. Indessen möge dieses Bild nicht auf Ungarn seinen Schatten werfen, da ähnliche Rohheiten ganz eigenthümlich papaerisch sind; und sind die traurigen Folgen einer so langen religiösen Dürre, einer gänzlichen Unkenntniß des reinmenschlichen Berufes. Mögen aber deswegen die würdigen Vertreter dieses Ortes nicht wanken. Je heftiger die Krankheit, desto nöthiger ist der Arzt; je größer der Sturm, desto näher ist die Entscheidung; je übler die Lage, desto verdienstlicher die Rettung und desto gottgefälliger sind die Erretter! — Was es übrigens in Ungarn Neues giebt? — Unlängst (sagt Saphir) fragt' ich des Nachts meinen Bedienten: was für Witterung sei? Es ist eigentlich gar keine Witterung, sagte er, es ist bloß finster. Es ist eigentlich gar nichts Neues, es ist bloß finster! Literarische Nachrichten. Magdeburg, 2. Mär;. Haupiprinziplen, bei Entwerfung einer zeitgemäßen Liturgie für den israelitischen Gottesdienst. Ein amtliches Gutachten von Dr. I. L. Saalschutz, Prediger an der israelitischen Gemeinde zu Königsberg. Königsberg, 1845. — Die Kultusfrage ist auf dem Gebiete des Judenthums noch lauge keine erledigte. So lange der Gottesdienst noch keine entschiedene Gestalt angenommen, so lange zwischen zwei Extremen noch ein unaufhörliches Schwanken stattfindet, kann sie nicht als erledigt angesehen werden. Die theoretische Lösung muß so lange noch einseitig sein, wie das Leben mit ihr nicht übereinstimmend sich zeigt, ja ihr widerstrebt. Um so angenehmer muß jeder Beitrag sein. Der Verf. dieses Gutachtens ist bekannt als ein, in seinen Untersuchungen ruhig, erwägend, möglichst objektiv zu Wege gehender Gelehrter, und man wird deshalb auf! seine Ansicht begierig sein. Wir wollen sie daher hier! skizziren. Zuerst charakterisirt der Verf. die drei Kulte, den katholischen, protestantischen und israelitischen, und findet das Eigenthümliche des Letztem darin, daß hier die Gemeinde sehr viele Gebete spricht, so daß er die erbauliche Selbstthätigkeit der Gemeinde zu seiner Basis hat. Der daraus resultirende Uebelstand, daß dabei ein Geräusch nicht vermieden werden könne, wird von ihm als nicht groß angeschlagen, indem es nur beim Gottesdienste darauf ankomme, daß der Betende sein Bedürfniß befriedige, (werden aber hinwiederum nicht Viele dadurch in ihrer Andacht gestört!!) und haben dem doch schon die alten Vorschriften Schranken gesetzt. Ueber die Beibehaltung des Hebräischen giebt er zu, daß gesetzlich jede andre Sprache zulässig sei; jedoch vertheidigt er sie damit, daß 1. doch Viele die hebräische Sprache verstehen, und diese als Lehrgegenstand von den Juden besondere Berücksichtigung verdient, 2. die hebräischen Gebete Originale sind und in der heiligen Sprache der Offenbarung verfaßt, 3. hat gesetzlich Jeder das Recht, in jeder Sprache zu beten, folglich auch in der hebräischen Sprache, und das ausschließliche Einfuhren jeder andern Sprache würde dieses Recht verkürzen, 4. würde die Einheit des jüdischen Kultus dadurch zerstört, ja dieser selbst in Deutschland in jeder Gemeinde anders werden. Die Hauptidee des Verf. ist demnach folgende: 1. die Vorlesung aus Thora und Propheten bleibt hebräisch; 2. die Gebete, welche die Gemeinde spricht, kann jeder Einzelne beten, wie er will, hebräisch oder deutsch (welch ein Wirrwarr muß daraus entstehen!); 3. die Gebete, welche der Vorbeter laut spricht, deutsch, wobei in der Uebersetzung abgekürzt und paraphrasirt werden kann. — Hierauf giebt der Verf. ein Spezimen seiner Liturgie, wo wirklich die Gemeinde alle hebräische Stücke (selbst üipi “ipns), wie sie jetzt bestehen, sagt, und dazwischen der Vorbeter in deutscher Sprache die Hauptgedanken jedes Gebetstückes. Hierzu noch Chorgesang und Predigt, und man wird zugeben, daß eia solcher Gottesdienst — eine immense Länge haben würde. Und dennoch will der Verf. auch noch die Abschnitte der Thora nach dem hebräischen Vorlesen — deutsch übersetzt haben. Der Leser kann nach dieser getreuen Skizzirung sich leicht selbst ein Unheil bilden. Man muß den guten Willen des Vers., durch die schroffen Gegensätze der Zeit einen bequemen Mittelweg zu finden, anerkennen. Auch klingen die Grundsätze theoretisch ganz gut. Aber an die praktische Möglichkeit ist unsrer Ansicht nach auch nicht im Entferntesten zu denken. Die außerordentliche Lange drückte ihn schon zu Tode. 11*

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