Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1846)
- Date
- 1846-03-09
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
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155 in der Meinung Aller. Als Adler hierher berufen worden, geschah es in der Voraussetzung, daß er orthodox sei; als Orthodoxer trat er daher auf, und als solcher muß er agiren, muß er stehen oder fallen. Man wundert sich daher hier zu Lande nicht im Geringsten, wenn Adler keinen Fuß breit von der strengsten Orthodoxie abweichet, wenn er sich vor seinem Abgang aus Deutschland unter die 77 schrieb, wenn er einen Chilluk abhält, wenn er auf die Fragen aus Amerika sich erst erkundigt, ob die Gemeinde eine polnische, deutsche oder portugiesische sei, wenn er die Reformirten von Burton Street erst abschwören läßt, bevor er Kidduschin giebt. Im Gegcntheil, man würde es unerklärlich finden, handelte er irgend anders. Ja, es ist dabei noch eine größere Gefahr vorhanden. In England sind in einer Partei Haupt und Glieder so eng verwachsen, daß mit dem Abweichen des Hauptes die Partei sich unaufhaltsam auflöst. Sie sehen es, um Größeres als Vergleich herbeizuziehen, an Robert Peel. Seine jüngsten Schritte haben ihn von der Torypartci abseitens geführt, und — die ganze Torypartei ist in völlige Auflösung gerathen. Würde jetzt Adler einen Schritt von der Orthodoxie abweichen, würde er, wie in Deutschland, die s. g. Vermittelung übernehmen wollen, so würde die Partei der Orthodoxie sich unwiderruflich auflösen. Dies wird noch klarer werden, wenn ich nun den Schritt derer, die dem Verlangen Adler's willfahrten und der Synagoge zu Burton Street absagten, zu erklären suche. In England stehen die Aristokraten, die Vornehmen, Reichen und die ärmere Klasse weit von einander getrennt. Auch hier fehlt die vermittelnde Klaffe der Bemittelten, aus denen die Großen sich rekrutiren könnten. Die vornehmen Juden nun leben in den höchsten Zirkeln, wo des Glanzes kein Ende. Aber ihre Zahl ist unbedeutend. Daher fehlt es den reichen Juden in England an Gelegenheit — sich zu verheirathen. Sie können nicht anders als Gleichreiche ehelichen, sonst könnten sie das glanzvolle Leben nicht fortsetzen. Wir haben daher viele Beispiele, daß die schönsten, gebildetsten Töchter der Reichen unverheirathet bleiben, aus Mangel — an passenden Partiecn. Eine natürliche Folge ist, daß, wenn eine passende Partie sich trifft, man sich schon etwas darum gefallen läßt, Burton Street aufgiebt und zu Duke's Place zurückkehrt. Aber warum mußte nun Adler auf die Forderung bestehen? Weil, wenn ungehindert die Reformirten mit den Orthodoxen sich verheirathen und Burton Street treu bleiben würden, ohnfehlbar die Reform in den Schooß der Orthodoxen gebracht würde, und — in 20 Jahren sammtliche jüdische Aristokratenfamilien Burton Street angehören würden! Da haben Sie die Erklärung der Vorgänge, und ich glaube, daß diese für die Folge zur Beurtheilung hiesiger Zustände nützlich sein werde, damit nicht vom deutschen Standpunkte aus so schiefe Urtheile zum Vorscheine kommen. Freilich, werden Sie nun in allem dem kein Prinzip, keine religiöse Ueberzeugung, sondern mehr Politik finden — allein dies ist eben in England der Fall. . Das Angeerbte als eine Art politischer Stellung begriffen und betrieben macht das Wesen unsres Lebens aus. Preußen. Posen, 21. Februar. Um die Angelegenheit-der jüdischen Militärpflicht in Preußen auch in ihrem letzten Stadium zu verfolgen, kommt es darauf an zu zeigen, wie die Israeliten im Großherzogthum Posen die Kabinetsordre, welche die Militärpflicht auch aus diese Landestheile ausdehnt, ausgenommen haben. Wir lassen hierüber die D. A. Z. berichten. Daselbst heißt es: Die jüngste Kabinetsordre in Beziehung aus die allgemeine Militärpflicht der Juden hat hier wirklich bei Jung und Alt lauten Jubel hervorgerufen. Scheint es doch, als ob die Juden fühlten, daß sie durch diese Maßregel ihren christlichen Brüdern näher rücken und ihrer endlichen Emanzipation um einen bedeutenden Schritt mehr entgcgengehcn. Anfangs glaubten wir, nur die jüngeren, vornehmeren und gebildeteren Juden würden diese Maßregel willkommen heißen, die starren Schwarzen sie dagegen als eine neue Geißel ansehen; dem ist aber nicht so, Alle sind durchaus damit zufrieden, und die jungen Israeliten können kaum den Zeitpunkt erwarten, wo sie die Uniform anziehen werden. Eigentlich ist dieses neue Gesetz nur für unsere Provinz von obligater Bedeutung, denn nur hier wohnen die Juden in solcher Ueberzahl, daß ihre zeitherige Dienstfreiheit fast wie ein sie begünstigendes Privilegium aussah. Zu bezweifeln dürfte nur sein, daß vorder Hand die Rekrutirung aus den Juden bedeutend und