Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1846)
- Date
- 1846-02-23
- Page
- Seite 138 (sequence 14)
- Language
- German
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138 Lung von Zeremonien außer demselben dem Bedürfniß und dem Belieben des Einzelnen anheimgestellt bleiben muß, daß dieselben aber jedenfalls den Ansprüchen der Sittlichkeit, des Lebens in der Familie, dem Staate und der bürgerlichen Gesellschaft nachzusetzen sind. Israelitische Zustände im k ö n i g g r ä tz e r Kreise Böhmens. Mitgetheilt von 9'L T. (Schluß.) Was unser Verhältniß zu den christlichen Bewohnern dieses Kreises betrifft, so findet es sich im Allgemeinen in Shakespeare's Worte: „Dulden ist unsre Losung!" genügend ausgesprochen. Die Gebildeten begegnen dem gebildeten Israeliten mit Anstand, auch mit Achtung, aber ün Ganzen kennt die mittlere Volksklasse nur Judenhaß, die unterste auch Judenverfolgung, und dies spricht sich vielleicht, wie überall, auch da um so prägnanter aus, je zahlreicher die Israeliten in einem Orte oder in einem kleinen Bezirke beisammen wohnen. Sollte dies etwa von der Mehrzahl herrühren? — Oder kömmt es daher, daß in solchen Orten die Israeliten gewöhnlich das Hauptorgan aller kommerziellen Leistungen sind, und die Christen dadurch gefährdet zu sein glaubend — Sei dem wie ihm wolle, so ist es immer traurig, daß Intoleranz und Gehässigkeit durch die Mehrzahl der Israeliten in einem Orte bedingt sein soll. Je vereinzelter hingegen die Israeliten wohnen, desto mebr begegnet diesen Familien auch selbst die unterste Volksklasse mit Achtung. Ja, es giebt einzeln wohnende israelitische Familien in tuiferm Kreise, die \id) einer besonder« Verehrung und allgemeiner Liebe und Hochachtung erfreuen, und denen auch an manchen Orten vorzügliche Auszeichnungen zu Theil werden. Was das gesellschaftliche Leben der Israeliten unter sich selbst betrifft, so hat der Geist der Assoziation noch nicht alle Kopfe erleuchtet, noch nicht alle Herzen ergriffen. In den größten Gemeinden, so wie in den einzelnen Wohnsitzen leben die meisten Israeliten isolirt, in Kommunal- Angelegenheiten bildet oft eine jede Stimme eine eigne Partei, wenn nicht mehre durch Verwandtschaften, durch lukrative Verhältnisse, durch die Macht der Gewohnheit, aber auch durch das Gelüste Opposition hervorzurnfen zur Vereinigung der Stimmenabgabe verleitet werden, wie man dies zu verschiedenen Malen bei verschiedenen Angelegenheiten in den verschiedensten Gemeinden gesehen. Das Streben nach Besserem zeigt sich bei Vielen, und die Israeliten der dieskreisigen Gemeinden würden gewiß weit höher stehen, wenn dir vorherrschende Jsolirtheit das Bedürfniß der Assoziation anerkannt, und ihr zu segenbringendem Wirken den Weg gebahnt und geebnet hätte. Nur in Bezug der Wohlthätigkeits- und Versorgungsanstalten findet eine würdige Ausnahme statt, denn wo es gilt, die zarte, süße Pflicht des Wohlthuns zu üben, da wirken Einzelne und ganze Gemeinden mit aller Liebe und mit aller Kraft. Und so bestehen in allen Gemeinden bYip',n Vereine zur Versorgung armer Kranker. Drei Gemeinden besolden zu diesem Zwecke eigene Wundärzte, nebstbei erhalten die Kranken die nöthigen Arzneien, sonstige Verpflegung, und in dringenden oder gefährlichen Fällen sieht man allüberall einzelne angesehene Gemeindeglieder mit aufopfernder Liebe Nachtwachen halten und Krankenwartedienst ausüben. — Dann besteht in jeder Gemeinde ein Beerdigungsverein; unter den ledigen Männern in mancher Gemeinde ein wechseiseltiger Hülfsverein für verschiedene Zufälle; und in einer Gemeinde soll auch ein Verein zur Unterstützung armer durchwandernder Israeliten bestehen. An einer geregelten Anstatt zur Unterstützung armer hülfsbedürftiger Familienväter fehlt es hingegen überall. Zu den gemeinnützigen — mit Recht könnte man sagen: zu den Wohlthätigkeitsanftalten in diesem Kreise gehören auch die Gemeinbäder der Frauen, die aber nur um ihres Bestehens willen angeführt werden. Eine Beschreibung ihrer Zustände wäre hier fast am Unrechten Orte, da dasjenige, was sie noch zu wünschen übrig lassen, mehr einer medizinLsch-polLzeilichen Würdigung unterliegt, und die einzelnen Gemeinden von ihren nächsten Aerzten dies erfahren können. Doch nicht nur die Gemeinden, auch die einzeln wohnenden Familien tragen bedeutend Ln mannigfacher Bczicbnng zur Unterstützung bei, so daß man durch das Gesarrrmtwirken, doch ohne Bestehen eines Vereines, überall den Armen Osterbrode und Osterwein vertheilt; auch werden in den meisten Gemeinden durch ähnliches Wirken die Armen im Winter mit Holz betheiligt. Aber auch die Frauen, die zarten Pflegerinnen der Nächstenliebe, üben das Wohlthun in ihrem Kreise und über ihren Kreis hinaus. Durch sie werden arme Wöchnerinnen unterstützt, durch sie erhalten Arme alte und