Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-02-23 · Heft 9 (23.2.1846) · p. Seite 137

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 9 (23.2.1846)
Date
1846-02-23
Page
Seite 137 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225453--07564-3238328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

137 der nöthigen Vergeistigung, beibehalten habe, wie denn auch spätere jüdische Autoritäten, wie Maimonides und Jbn Esra, das Opfer und das Gebot: „du sollst das Böcklein nicht kochen Ln seiner Mutter Milch", auf das Heidenthum zurückführen, und das uns also, wenn wir mehr von der Geschichte der damaligen Völker wüßten, gewiß sehr Vieles verständlich wäre, was uns heute als dunkel und unerklärlich erscheint. Wir können demnach heute nicht zum mosaischen Zeremonialgesetz zurückkehren wollen, schon deshalb nicht, weil wir weder eine gesonderte Nationalität haben können, noch haben wollen. 2) In der nachmosaischen oder prophetischen Zeit wird des Zeremonialgesetzes nur selten Erwähnung gethan, und auch meistentheils dann nur, um es als Formelwerk zurückzuweisen, um es als bloße Werkheiligkeit ohne die Grundlage wahrhafter Sittlichkeit für nichtig und völlig bedeutungslos zu erklären. Die Propheten vor Allem wußten von keiner Gegenüberstellung des Zeremonial- und Sittlichkeitsgesetzes, sondern dies allein galt ihnen als das wahre Wesen des Judenthums, und ohne dasselbe erklärten sie das Formelwerk für eitel Lug und Trug. 3) Erst in der Periode talmudscher Thätigkeit, welche den mehr als tausendjährigen Zeitraum von Esra bis in's 6te Jahrhundert n. Ehr. umfaßt, wuchs das Zeremouiatgesetz zu einem bedeutenden Umfang an. Die Juden hatten in jener Zeit die mannigfachsten Schicksale erlebt, waren mit den verschiedensten Völkern in Berührung gekommen; von allen Seiten her stürmten fremde Sitten und Gebräuche, fremde Sprachen und Ansichten, heidnische Wissenschaft und Kunst mächtig auf sie ein, selbst mit Feuer und Schwert versuchte die Tyrannei sie der Ueberkommenschaft ihrer Väter zu entfremden und dem in sich selbst schon wurmstichigen und morschen Heidenthum zuzuführen. Sektirerei, Abfall, Verrath waren die unausbleiblichen Folgen, und neue, und neue Verfolgungen und Drangsale entsprossen dem blutgetränkten Boden des Judenthums. Aber von der Allgewalt der Gottesidee getragen und erhoben ließ das glaubensstarke Israel alle Schickungen des Himmels ruhig über sich ergehen, und weit entfernt dem Druck zu weichen, schloß cs sich nur desto enger und fester an das an, wofür es gelitten und geblutet. Unter solchen Verhältnissen nun entstand der Talmud, jenes Werk, mit dessen Verachtung und Schmähung so oft und vielfach jüdische und christliche Gelehrte geprunkt haben. Wir können in die Verunglimpfung dieses wahrhaft kolossalen Werkes nicht einstimmen, vielmehr müssen wir uns zu der Ueberzeugung bekennen, daß dasselbe ein nothwendiges Produkt seiner Zeit sei, das für die Erhaltung des Judenthums von der größten Wichtigkeit war. Der Talmud ist nicht die Ausgeburt eines oder einiger vom Leben und ihrem Treiben abgeschiedener Männer, sondern vielmehr die normirte Lebenspraxis selbst; weit entfernt grübelnder Spitzfindigkeit seinen Ursprung zu verdanken, ist er vielmehr ein echtes Erzengniß des damaligen jüdischen Religions- und Geschichtsbewußtseins, das aber wiederum eine gestaltende Rückwirkung ausübet. In dieser steten, lebendigen Wechselwirkung der Religion und des Lebens traten die talmudischen Zeremonialverordnungen der Entwicklung der Juden nicht hemmend in den Weg, sondern begleiteten und regulirten dieselbe. Erst als 4) im rabbinischen Zeitalter der Talmud für abgeschlossen erklärt wurde, fing Religion und Leben an auseinanderzugehen und die unablässige Thätigkeit der Rabbinen machte diesen unglückseligen Zwiespalt immer unheilbarer. Denn diese hatten nicht mehr den im ewigen Entwicklungsprozeß begriffenen Menschen vor Augen, sondern den starren, todteu Buchstaben machten sie zur ausschließlichen Materie ihrer Diskussion; sie standen nicht mehr auf dem festen Boden der Wirklichkeit, sondern auf dem Spinngewebe subtiler Theorien. Und so reihten sie „Gesetz an Gesetz, Gesetz an Gesetz, Satz an Satz, Satz an Satz, hier Etwas, hier Etwas", ohne Rücksicht, ja selbst ohne Ahnung von der stets und unwiderstehlich fortschreitenden und forttreibenden Macht der Geschichte, und erniedrigten die zur Welterlösuug berufene Religion zur Dienstmagd „angelernter Menschensatzungen". Dieser klaffende Widerspruch mußte nun in der Neuzeit den Bekennern des Judenthums in seiner ganzen Schärfe entgegen treten. Und mit Recht hat man dagegen geltend gemacht, daß die Religion in Wahrheit niemals mit dem Leben und seinen Anforderungen in Gegenstoß gerathen könne noch dürfe, daß vor Allem die Religion der Freiheit seinen Bekennern kein solches Joch könne auferlegen wollen, wie jenes unübersehbare rabbinische Zeremonienthum, wodurch all' und jeder Selbstbestimmung der Lebensnerv durchschnitten, die freie Bewegung des Individuums, ohne welche keine Sittlichkeit möglich ist, gehemmt und vernichtet wird. Daher müssen wir uns nach unsrer innersten Ueberzeugung entschieden dafür erklären, daß die Zeremonialbestimmungerr nur auf den Gottesdienst und diejenigen Handlungen, mit denen nothwendig eine gottesdienstliche Feier verbunden ist, Anwendung zu finden haben, daß die Beobach-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.