Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1846)
- Date
- 1846-02-23
- Page
- Seite 130 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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130 ohne gleichzeitige, entsprechende gottesdienstliche Rede abgehalten werden darf. Wem ist es unbekannt, daß die ursprüngliche Bestimmung der Synagoge, sowol auf Belehrung als auf Andacht abzielte? Die Art, aus (der für uns als alleinige Quelle aller Belehrungen dienenden) heiligen Schrift Vorlesungen mit Allen verständlichen Uebersetzungen (durch sogenannte a^amn) zu halten; wie man spater selbst Stücke aus der Mischna — welche an Ansehen und Geltung der heiligen Schrift am Nächsten stand — dem Gebete einverleibte; wie selbst wissenschaftliche Abhandlungen den Gebeten angereihet wurden, zeigt zur Genüge, wie der ursprüngliche Begriff der Andacht darin bestand, daß der Mensch Betrachtungen über das eigne Verhältniß zu seinem Schöpfer anstelle, und in gottgefälliger Anerkennung in Lob und Dank sich ergieße; aber ebenso auch andrerseits durch Belehrungen von außen, durch Schriftstellen und mündliche Vorträge in den eigenen Gemüthserhebungen unterstützt und gekräftiget werde. — ”Option rvn/a msy “pna wian -ps” Der Mensch kann sich allein nicht von jenen irdischen Fesseln befreien, die das Alltagsleben um ihn schmiedet. Gehoben muß er werden durch ein äußeres Jnzitament aus den profanen Regionen seines ErdenkreiseS und seiner menschlichen Verhältnisse; getragen und erhalten muß er werden im Bereiche der Idee, im Reiche der Wahrheit. — Ob der belehrender Erbauung gewidmete Theil des Gottesdienstes bisher seiner Bestimmung entsprach, will und brauche ich hier nicht zu erörtern. Die Verständigen sehen eben so wenig in dem bestehenden Theile der Gebete, und in der Art ihrer Verrichtung einen Gottesdienst, wie in dem zur belehrenden Erbauung bestimmten Theil, wie: a^üva ,n"iinn manche ,rvnaj>» naa ,saipa mas u. s. w. die Aufgabe gelöst. — Die hochwürdigen Rabbinerversammlungen zu Braunschweig und Frankfurt am Main haben ihr vorzüglichstes Augenmerk der Hebung des so tief gesunkenen jüdischen Gottesdienstes zugewendet, und zunächst für Art und Weise des Gebetes tüchtige Vorarbeiten geliefert. Von der projekrirten Versammlung zu Breslau erwartet man, daß die hiezu erwählte hochwürdige Kommission auch eine fertige Agende vorlegen werde. Allein, hochwürdige Herren und Lehrer in Israel, soll der jüdische Gottesdienst seiner Urbestimmung nach vervollständigt werden; soll in unserer materiellen Zeit, bei Ueberhandnahme der Apathie für alles Höhere, Geistige und Religiöse, das noaan ma, der zur Versammlung bestimmte Ort auch ein Ort sein, der genügend besucht wird; soll wirklich Herz und Seele erhoben und gestärkt aus dem Hause des Herrn gehen — so muß jeder abzuhaltende Gottesdienst durch eine mündlich vorgetragene Erbauungsrede — sei sie nun groß oder klein, ihr Inhalt in exegetischem oder im Gewände einer rein moralischen Abhandlung — gewürzt werden, und so seine eigentliche Bestimmung verwirklichen. — Indem ich von der richtigen Umsicht der nächsten Rabbinerversammlung die bessere und gründlichere Veranschaulichung meiner Anregung zuversichtlich erwarte, habe ich meinen Antrag darum jedoch nach Möglichkeit meiner Kräfte und Muße zu motiviren gesucht, und hiemit diesem Blatte einverleibt, weil ich im Sinne der deutschen Rabbinerversammlung es wünsche, daß jüdische Literaten über dieses Thema ihre Stimmen erheben sollen. — Den einzigen Vorwurf, den mir böswillige Störigkeit machen könnte: ich habe meine Ansicht einer christlichen Konfession entlehnt, welche ebenfalls vor 400 Jahren thätig war, ihren Gottesdienst aus den Fesseln gehaltloser Formen zu befreien, weise ich entschieden zurück, und hoffe ich, eine hochwürdige Rabbinerversammlung wird es als gar keinen Vorwurf ansehen, wenn die richtende Geschichte einst von ihr sagen wird: 'Mamas ama ■japma” Literarische Nachrichten. Magdeburg- -ä* Januar. Zur Geschichte und Literatur. Von Zunz. Bd. 1. Berlin, 1845. (Schluß.) „Müssen wir schon der Unwissenheit Manches Nachsehen, so gebührt noch größere Schonung dem Leidenden, der nie genug der Beruhigungsmittel hat, und in seiner Bedrangniß in den Gegenständen irrt, die er zu Hülfe ruft. Die Stellung des Juden, wie sie namentlich in den Staaten von Mitteleuropa sich gestalten mußte, des Juden mit dem alten Glauben, der unverstandenen Bildung, der Sehnsucht nach Jerusalem, mitten unter keltischen Barbaren und romanischen Feinden, an Geist ihnen überlegen, uuterthan im Leben, willfährig als Einzelne, unerbittlich als Gesammtheit, zugleich gesucht und gemieden, für eine un-