Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1846)
- Date
- 1846-02-16
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Die preußische Regierung erklärt, die Majorität des Volkes wäre gegen die Emanzipation, und an diese gar nichl zu denken! Dies Alles hat uns der einzige Januar gebracht — und wir glauben nicht, daß die Märzsonne oder der deutsche „erste April" dieses Eis schmelzen werde! Der Leser wird es uns daher aufs Wort glauben, daß nichts schwieriger ist, als über die Stellung unserer Glaubensgenossen in Deutschland zu sprechen, denn genau genommen kann man das weder eine „Stellung", noch eine „Lage" nennen, wo man stets zwischen stoßen, werfen, laufen, umkehren rc. schwankt, und Alles nur auf einen zufälligen Windstrich ankömmt. Es gab eine Zeit, da man in Deutschland die Emanzipation aus Mitleid wollte. Die armen Juden! Sie waren zu sehr gedrückt; man fühlte doch auch ein Herz in seinem Busen klopfen; daß Joseph II. die Bande etwas zu lüften Anstalt machte, begeisterte schon zu herrlichen Oden. Dann aber wollte man wieder die Emanzipation nicht aus — Verachtung. Die niedrigen Juden! Sie stehen zu tief, um sie zum Niveau der deutschen Staatsbürger erheben zu können. Sie müssen erst reif werden; sie müssen sich erst würdig zeigen! Dann kam eine Zeit, da man die Emanzipation aus Humanität wollte. Die Juden sind unsere Menschenbrüder! Die Liebe verlangt, daß man sie gleichstelle, die Liebe, die keinen Unterschied duldet, der in der Zufälligkeit der Geburt liegt. Man drückte den Neger an die Brust — weil er 2000 Meilen entfernt ist, und so schickte man sich an, auch den Juden an die Brust zu drücken, der ein Nachbar. Aber dann wollte man die Emanzipation nicht aus — Religion! Ter christliche Staat fordert gebieterisch, daß Alles ausgeschlossen sei, was nicht Christ. Und seien innerhalb des Christenthums die Parteien um ein Paar Jahrtausende von einander entfernt, schadet Nichts — man ist doch kein Jude, und stände man ihm ganz nahe. Kurzum, was man dafür vorbrachte, immer war man auch mit einem dagegen bewaffnet. Bald waren die Juden „Fremde", als wären wir Alle eingewandert, und die jetzt lebenden Christen schon l*/2 Jahrtausende lebend auf ihrer Scholle. Bald waren sie eine „Nation", bald „aufgelöste Trümmer"; bald mit einem ewigen, unveränderlichen Geiste beseelt, bald „todt", „Mumien", und so ging das erbauliche Spiel fort. Freilich der eine, einzige, richtige Grund — den vermied man, der Felsengrund unsrer Gleichstellung — um den lief man herum; daß es nicht gerecht sei uns zu emanzipiren, sondern ein Unrecht, uns nicht zu emanzipiren; daß man uns mit der Gleichstellung nichts gebe, sondern uns mit der Richtgleichstellung beraube, vorenthalte, was uns gehört! — Ist das Humanität, wenn man nicht inhuman ist? Ist das eine Großmuth, wenn man nicht ungerecht ist? Wo bis jetzt die Juden gleich gestellt worden, hat man es nicht aus Mitleid, nicht aus Humanität, nicht aus Liebe gethan, sondern aus Gerechtigkeit, um nicht ungerecht zu sein. Wer mir das bezahlt, was er mir schuldig ist, den nenne ich noch nicht liebevoll, noch nicht human, sondern nur ehrlich. Ich will sein Mitleid nicht, ich will seine Ehrlichkeit. Und freilich das sah man in Deutschland nicht ein, daß es des Staates und des Volkes Vortheil verlangt, die Juden zu emanzipiren. So etwas sieht nur der Engländer ein. Der sagt geradezu: wir müssen den Juden die Aemter eröffnen, damit nur alle möglichen Intelligenzen hineinkommen, (der Lordkanzler im vorigen Jahre —) sondern der Deutsche sagt: wenn wir den Jud/n die Aemter öffnen, dann bekommen wir Christen die weniger,welche Juden erhalten. Hier kommt es also lediglich auf das „Bekommen" an — dort, in England, auf das „Verwalten." Wenn wir also von der Stellung der Juden in Deutschland sprechen, so dürfen wir nicht vergessen, daß wir in Deutschland so lange nicht darauf rechnen können, die Juden emanzipirt zu sehen, als die besten Köpfe und besten Herzen in Deutschland noch von Liebe, Humanität schwärmen in der Judenangelegenheit: nicht aber einsehen, daß man nicht unrecht thun dürfe, und daß man vor Allem des Staates Nutzen wollen müsse, nicht aber einer Anzahl Staatsbürger. Darum sind in Deutschland die Juden noch lange nicht emanzipirt, wenn und wo das Gesetz sie emanzipirt — in Hessen-Kassel hat das Gesetz sie emanzipirt, aber!!! — während sie in England längst emanzipirt sind, bevor sie das Gesetz noch ganz emanzipirt hat. Also weg mit dem deutschen „Mitleid", mit der deutschen „Großmuth", mit der deutschen „Humanität" in der Judensache, aber herbei mit Gerechtigkeit und Intelligenz! Was wir erlangt haben in Deutschland, das ist, daß man uns nicht mehr verachtet. Viel gewonnen. Man sucht sich zwar hie und da noch den Schein zu geben, aber der Versuch fällt erbärmlich aus. Aber dafür haben sich riesengroß Neid und Furcht eingestellt. Neid, wo