Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1846)
- Date
- 1846-02-09
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 es dereinst im Drucke erscheinen zu sehen. Allenfalls aber würde dadurch ein Werk von unverkennbarem Werthe, die vieljährige, mühevolle Arbeit eines geist¬ und kenntnißreichen Mannes dem Moder und Mottenfraß entrissen und der Nachwelt bewahrt werden. H. R. Aus Ungarn, 19. Januar. (Privatmitth.) Die öffentlichen Blätter melden von einem in Pesth sich bildenden jüdischen Vereine wider den Wucher, der in der ungarischen Hauptstadt so weit eingerissen, daß der ruhige Beschauer darin kein geringes Hemmniß in der Berbefferung der politischen Stellung der magyarischen Juden erkennen muß. Der Verein soll sich zur Aufgabe gestellt haben, mit jedem unmäßig Wuchernden nicht allein alle Geschäftsverbindung abzuschneiden, sondern auch ihm jeden Zutritt in eine ordentliche Gesellschaft auf jede mögliche Weise zu erschweren und demselben mit aller Art Verachtung und Geringschätzung zu begegnen, wie dieser Klasse von Menschen gebührt. Denn obwol die Landesgesetze einen mäßigen Zinsfuß vorschreiben, so werden diese, wie überall, so auch im Lande der Magyaren, durch allerlei Kniffe umgangen. — Solche und ähnliche Schritte der Besscrgesinnten in der pesther Jsraelitengemeinde bethätigen sowol die praktische und reelle Richtung, die sie in der Hebung verderblicher Mißbräuche genommen, als auch den lobenswerthen Eifer, der sich allhier mehr und mehr zur Deutlichkeit und zum Selbstbewußtsein herausstellt. Es wäre unserseits ein übereiltes Vorgreifen, eine erst im Entstehen seiende Gesellschaft vor aller Welt bekannt zu machen, wenn wir damit zugleich nicht manche, allenfalls nicht zu verwerfende Absichten bezwecken sollten: daß nämlich jene Personen, welche aus so einem edeln Antriebe zu einem solchen moralischen Zwecke zusammengetreten sind, sich von keinen falschen Vorspiegelungen, die eigentlich nur dazu dienen werden, die eigne Schwäche zu schützen, in ihren Grundsätzen erschüttern lassen, von keiner hämischen Bosheit, die von jeher gewohnt ist, jedes Erhabene herzlos in den Staub zu ziehen, und die auch hier gewiß nicht ruhen wird, dieses hohe Unternehmen zum Ziele ihres Spottes zu machen, in ihrem Vorhaben wankend werden mögen. Einen zweiten Nutzen verbinden wir mit dieser Mittheilung, daß auch in anderen ungarischen Städten, wo zum Leidwesen jedes wohlwollenden Menschen der träge Müßiggang und die schmählichste Habsucht bei den Israeliten Wucherer von Profession hervorgerufcn, die hier an dem innern Mark des Kaufmanns, dort an dem des Adels und des Bürgerstandes schonungslos nagen und einen so tiefen Schatten auf die Gesammtheit der Juden im Lande werfen, daß auch dort Männer sich vorfinden werden, die zugleich von der Religion ihrer Väter, die uns den Wucher als eines der schändlichsten Laster untersagt*), als auch von den heiligsten Pflichten der Menschheit — bei der der unstreitige Satz gilt: bei dem muß alle Bruderliebe aufgehört haben, der nur auf Wucher leihen kann — beseelt, einem solchen Beispiele nacheifern mögen. Denn mit dem Schwinden des Wuchers wird nicht allein ein großer Theil der ungarischen Israeliten einer unthätigen, geistestödtenden Lebensweise entrückt, und einem solidern Erwerbe, als Industrie, Ackerbau u. dgl. unausbleiblich mir der Zeit zugewendet werden müssen, sondern auch selbst jene Individuen, die im Anfänge den herben Verlust bedeutend fühlen werden, werden durch die innere sittliche Würde, die bei einem solchen unmoralischen Gewerbe täglich nur sinken muß, und nun aus ihrer Erniedrigung zum Bewußtsein ihres Werthes sich erheben wird, reichlich genug entschädigt werden. Die Achtung, die von der gebildeten Welt jedem beitretendcn Mitgliede gezollt werden soll, wird gewiß nicht ausbleiben. Mögen unsere Worte keine vergeblichen sein! Die Einsetzung der neuen Administratoren und das dadurch veränderte Regierungssystem ist auch in Bezug auf die Juden nicht ohne Folgen geblieben, und zwar betrifft dieses eine der Hauptfragen der ungarischen Judenheit. Die vielbesprochene Toleranzsteuer ist wieder an der Tagesordnung, und vermittelst der neuen Beamten drängt wiederum die Regierung auf Einziehung der gebliebenen Schuld. Aber fast in keinem Komitate ist diesem ausdrücklichen Verlangen Folge geleistet worden, und es steht zu erwarten, daß sich keine jüdische Gemeinde zu dieser willkürlichen Steuer so lange verständigen wird, bis *) Ich hoffe, daß die Gewißheit, daß das Verbot deS Wuchers auch bei Nichijuden feine Geltung hat, bereits aller Diskussion enthoben ist, und selbst anS dein Standpunkte des Talmuds betrachtet, kann der bekannte Jrrthum, daß cs gesetzmäßig sei, mit einem Richtjuden zu wuchern, in der heutigen Zeit der Duldung keine Anwendbarkeit mehr haben. Korresp.