Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1846)
- Date
- 1846-02-02
- Page
- Seite 87 (sequence 11)
- Language
- German
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87 er wieder zu seiner Mutter zurückgebracht wurde. Der! Tag, an welchem er Ln der Schrift zu lernen anhob, wurde als ein Festtag mit einem Gastmahl gefeiert. Man begann mit dem Levitikus, demselben Buche, das dem Knaben, als er den bürgerlichen Namen erhalten, in der Wiege unter dem Kopf gelegt worden war. An einigen Orten geschah die erste Uebung in der Thora am Wochenfeste mit Tagesanbruch; man deckte die Kinder sorgfältig zu, um sie auf dem Wege nach der Schule vor dem Anblick unreiner und störender Dinge zu bewahren. Nachdem der Knabe dem Lehrer auf den Schooß gesetzt worden, ließ man ihn die Worte nachsprechen: „Das Gesetz hat uns geboten Moses," „das Gesetz sei mein Geschäft" „Er (Gott) rief Moses." Auf dem Honigkuchen — der, gleichen an diesem Feste, auch die Erwachsenen aßen — den Einige nur von den Händen einer Jungfrau bereiten ließen, standen die Verse Jesaia 50, V. 4 und 5: „Gott der Herr hat mir eine Zunge für Lehrlinge gegeben, daß ich den Müden zu stärken wisse mit dem Wort: er erweckt je am Morgen, er weckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott der Herr hat mir daß Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht, weiche nicht." Auf der Schale eines gekochten Eies standen die Worte aus Hezechiel 3, V. 3: „Er sprach zu mir: Menschensohn nähre deinen Bauch, und deinen Leib fülle mit dieser Rolle, die ich dir gebe. Ich aß, und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." Beide Bibelstellen mußte der Knabe dem Lehrer Wort für Wort nachsprechen, worauf er Kuchen und Ei zu essen bekam; man versprach sich von dieser Speise, daß sie dem Kinde Fassungskraft verleihe. In älterer Zeit hat man Engelnamen und Amulette auf diesen Kuchen angebracht; oft wurden 3 Eier, 3 Kuchen und Aepfel bereit gehalten, und sogar Erwachsene pflegten, um ihren Sinn für die Lehre zu wecken, den Tag vor dem Sivan-Reumonde zu fasten und solchen Kuchen nebst Ei zu Ende des Fastens zuerst zu genießen. Jndeß hatten schon im zwölften Jahrhundert manche Gesetzlehrer ein Bedenken gefunden; schien auch das Auslöschen geschriebener Buchstaben an einem Festtage nicht sehr erheblich, um als Uebertretung der Festruhe betrachtet zu werden, so widersetzte man sich doch dem Gebrauch, auf jenen Kuchen den Namen Gottes anzubringen." In dem Alter zwischen dem fünften und siebenten Jahre fing der regelmäßige Schulbesuch an. Der ganze Tag, selbst ein Theil der Nacht, ward in der Schule zugebracht. Dem Lehrer war es verboten, mehr als vierzig Knaben zusammen zu unterweisen, oder sich eines andern! Züchtigungsmittels, als eines kleinen Riemens zu bedienen; einem Jähzornigen wurden die Kinder abgenommen, einem Unverheirateten gar nicht anvertraut. Gegenstände des Unterrichts waren: Hebräisch lesen; Uebersetzen der täglichen Gebete; Auswendiglernen der üblichsten Segenssprüche; Uebersetzen des Pentateuchs, auch der Psalmen; Vortrag des akzentuirten Textes; Verständniß der leichteren Kommentarien; Einübung der Mischna, wol auch schon einzelne Gemara-Abschnitte. Für Schreiben, Grammatik und anderweitige Fertigkeiten mußte in der Regel sonst wie gesorgt werden, und für die Studien des vorgerückten Alters gab es eine Talmndschule, ein Bethhamidrafch, wo die Jünglinge, theils aus eigenen Mitteln, theils durch die Unterstützung von Wohlthätern und Thora-Vereinen, bei einem oder mehrerer» Gesetzlehrern sich in in den talmudischen Kenntnissen tüchtig zu machen strebten; denn die Gesetzstudien galten nicht nur als pflichtmäßig, heilbringend, für eigene und fremde Vervollkommnung unentbehrlich, sie bahnten allein den Weg zu dem Lehrer-Rabbiner- und Richteramte und zu Ansehen überhaupt. Der Talmudlehrer Moreh, bisweilen Moreh-Zedek genannt, war das Oherhaupt der Talmudschule, oft auch des Gerichts. Einem berühmten Namen strömten aus fernen Ländern die Lernbegierigen zu: deutsche und böhmische Jünglinge studirten in Frankreich, französische in Regensburg und den Rheinstädten, russische gingen selbst nach Toledo. Zuweilen wohnten mehrere Studenten bei dem Lehrer, und nicht selten waren unter den Lernenden Verheirathete." „War auch nicht die gesammte jüdische Jugend solchen Studien zugethan, so hat es doch von jener der Religion allein zugekehrten ersten Erziehung wenig Ausnahmen gegeben; in der Heranbildung der Knaben zur Kenntniß des Hebräischen und des väterlichen Glaubens machte Reich und Arm so wenig einen Unterschied, wie gelehrte und ungelehrte Bestimmung. Die Mädchen erhielten freilich keinen eigentlichen Unterricht, und ihnen Talmud zu lehren, war sogar verboten; dennoch lernten sie hebräisch lesen, viele sogar den Pentateuch, und zur Uebung der jüdischen Gebote wurden alle von frühester Jugend an angehalten, daß auch die Frauen in der GlaubenStreue den Männern nicht nachstünden. Das ganze hebräische Thun und Lassen war nach strengen Formen geregelt, und in den Familienleben, welches das Judenthum gewissermaßen plastisch darstellte, wissen wir unS kaum mehr zurecht zu finden." (Fortsetzung folgt.)