Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-02-02 · Heft 6 (2.2.1846) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 6 (2.2.1846)
Date
1846-02-02
Page
Seite 86 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225450--07510-3238271
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 Bruders von Mrs. Rothschild, unter der Geschäftswelt und in den israelitischen Kreisen viele Theilnahme. Er soll eine halbe Million Pf. St. hinterlassen haben, und man rühmt ihm nach, daß er sich ein Gesetz gemacht hatte, jährlich 25 Prozent seines Aufwands zu wohlthätigen Zwecken zu verwenden. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 25. Januar. Zur Geschichte und Literatur. Von Dr. Zunz. Bd. I., Berlin, 1845. Wenn wir das vorliegende Werk überblicken, kommt uns der Ausruf ein: .,Eine Auferstehung von den Todten!" Mit der Zauberruthe einer immensen Gelehrsamkeit werden hier zahllose Todte aus dem Grabe der Vergessenheit hervorgerufen, und an's Licht des Tages gestellt. Freilich stnd es eben nur Namen und Büchertitel, welche, dem Rufe des Meisters sich stellend, vor uns auftreten; freilich bleiben sie darum nur „bleiche Schatten", deren vollsaftiger Körper längst vermodert ist und seine Atome dem Windeshauche der Vergangenheit übergeben hat — denn der Meister Werke sind untergegangen, oder ruhen in den Winkeln weniger Bibliotheken, ohne Aussicht, durch die Presse dem Leben wieder gegeben zu werden — — aber mehr will ja auch der Verfasser nicht. Es ist bemerkeaswerth, daß die größeren Werke Zunz' je einen polemischen Anknüpfungspunkt haben, ohne daß Zunz ein Freund der Polemik ist. „Die Namen der Juden" schrieb er auf Veranlassung des bekannten Befehls, daß die Juden nur „jüdische" Namen führen sollten. „Die gottesdienstlichen Vorträge," als die Predigt den Juden abgesprochen ward. Und das vorliegende Werk wird hauptsächlich von dem Gedanken getragen, Zeugniß zu geben, daß die jüdische Literatur stets in großen Strömungen sich befand, nur daß Feind und Freund nicht Kenntniß, Wille und Zeit genug besaßen, sie sorgfältig kennen zu Lernen. Von diesem Standpunkte ist es daher gerechtfertigt, wenn auch der Wißbegierige in diesem Buche doch noch etwas mehr Fleisch und Leben verlangen, wenn er statt Daten und Namen, statt dürrer literarhistorischer Forschung, diese Gelehrsamkeit und diesen Fleiß den Diszlplinen selbst, der Dogmen-, Rechts- und Satzungsgeschichte, mehr zugewandt wünschen sollte. Zwar hie und da sucht Zunz aus der Fülle seiner Daten auch ein Bild der Zeit herauszuschaffen, das stets mit Dank ausgenommen wird. Bald aber führt er uns wieder auf den Kirchhof der Literatur, und zeigt uns die verwitterten Grabsteine, um uns gewiß zu machen: „solch' ein Leben hatten wir!" „Was haben wir aber daran verloren? was ruht unter diesen zerbrochenen Mälern?" diese Frage bleibt uns meist unbeantwortet. Unsre Leser mögen uns in das Innere dieses voluminösen Werkes (607 S.) bereitwillig folgen. Der Gedanke, wie sehr die jüdische Literatur vernachlässigt worden, ist es, mit dem Zunz beginnt. Aber anstatt „unwissenschaftlich zu seufzen, unmännlich zu klagen" will er vielmehr „dem Grunde dieser Erscheinungen nachspüren," und zeigt von dem ersten Konflikt der hebräischen und griechischen Literatur an bis jetzt, wie es gekommen, daß die jüdische Literatur nach sehr kurzer Kenntnißnahme immer wieder in den Schatten zurückgetreten ist. Da wegen des Uebergewichts der spanisch-jüdischen Kultur die Werke und Bestrebungen der Juden in Frankreich und Deutschland im Mittelalter gemeiniglich hintenangesetzt werden, so wendet sich der Verf. gerade den Letzteren zu. Er zählt zunächst auf und bespricht die Tosafisten (S. 29—60), dann die Exegeten von 1000—1500 (S. 60—107), die Grammatiker (S. 107—122) und zuletzt die Sittenlehrer, bei denen der Verf. auch charakteristische Auszüge mittheilt (S. 122—157). Die „Charakteristik" sucht nun aus dieser Fülle von Notizen ein lebendiges Gemälde abzuziehen. Nachdem er die drei Zweige der jüdisch-französischen und deutschen Geistesthätigkeit von 1000—1500, die Halacha, den Ritus und die Exegese, vorläufig bezeichnet hat (S. 157—167), geht er in das Leben ein. Er versteht es hier, uns ein so anschauliches Gemälde zu entwerfen, wozu er übrigens nur sichre Daten verwendet, daß unsere Leser, von denen Vielen das gelehrte Werk fremd bleiben wird, mit Hinweglaffung aller Zitate, gern kennen lernen werden. Es heißt von S. 167 ab: „Schon in der frühesten Erziehung der Kinder war jede Handlung der väterlichen Religion zugewandt. Sollte der Knabe die heilige Schrift zu Lernen anfangen, wurde er gewaschen und reinlich gekleidet von einem Lehrer, der ihn unter den Mantel nahm, nach der Schule begleitet, und zu dem Schullehrer hingeführt. Hier bekam er mit Honig und Milch eingerührte Kuchen, Obst und andere Leckerbissen; sodann wurde ihm auf einer Tafel von Pergament oder Holz das hebräische Alpbabet, vorwärts und rückwärts, vorgezeigt und vorgesagt, und die mit Honig bestrichenen Buchstaben von dem Knaben abgeleckt, worauf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.