Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1846)
- Date
- 1846-02-02
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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78 israelitischen Stammes unter allen Verhältnissen, in allen Zonen, in der Mitto aller Nationen. Während Volk nach Volk verschwunden, Alle die um die Wiege und Jugend Jsrael's gestanden, vernichtet sind, reicht dieses allein aus dem grauesten Alterthume in die neueste Zeit hinein, immer kräftig, immer befähigt zum Fortbestände, immer verjüngt, regenerirt. Dabei aber von Anbeginn an das Bewußtsein dieses ewigen Bestandes, bei seiner Geburt schon die Gewißheit dieser Fortdauer, wie dies die Schrift bei Abraham, Moscheh, bis zum letzten Propheten ausspricht. Die zweite Bedingung mußte sein, daß dieses Volk auch über die ganze Erde reiche, um aller Welt die Zeugenschaft seiner Wahrheiten zu geben, um durch sein Dasein schon die Existenz der höchsten Erkenntnisse, und daß diese in den Stürmen der Menschenwelt, unter großen und kleinen Verirrungen derselben, nicht untergegangen seien, zu beweisen. So sehen wir denn Israel so lange im umgrenzten Palästina, als die Menschheit noch nirgend reif geworden für die Wahrheiten der Offenbarung; dann aber erwacht theils der Trieb der Auswanderung, und wir bemerken schon Gemeinden bis tief nach Germanien verbreitet, während die Hauptmasse noch in Palästina weilt; theils Masse auf Masse durch den Stoß der Ereignisse losgelöst und in die Welt geschleudert, bis der Sturm des blutigsten Kampfes den ganzen Stamm zerzauset, und die Bruchstücke überall hinzerstreut. So wie aber dieser Stamm mitten unter den Völkern viele Jahrhunderte hin- und hergeworfen werden mußte durch Abstoßung und Verfolgung, so blieb auch in ihm der Wanderungstrieb immer lebendig. Wo nur erst für die Zivilisation ein Fleck Erde abgewonnen worden, dahin setzt er alsbald seinen Fuß, und macht sich seßhaft; und so sehen wir ihn schon in Amerika bis in die Mitte der Urwälder in bedeutender Anzahl vorhanden, auch in Australien in starken Gemeinden mit Synagogen und Schulen erblühen. Tie dritte Bedingung mußte sein, daß dieser Stamm feinem Berufe ganz hingegeben sein mußte. Um der Träger der Religion zu sein, mußte das Religiöse das Hauptelement seines inneru Lebens sein. Die Religion läßt wol die Beschäftigungen des materiellen Lebens, läßt auch ein Erfassen anderer geistigen Richtungen zu: aber sie wacht eifersüchtig darauf, daß der Mensch, der ihr Organ, von ihr ganz erfüllt und eingenommen sei, so daß sie der eigentliche Zweck seines Lebens werde. Nichts aber findet sich offenbarer in der Geschichte Jsrael's, als dies. In seiner Ganzheit hat Israel nur in der Religion gelebt, und nichts als Religion produzirt; es gab viele und lange Zeiten, wo Israel im strengsten Sinne allein Religion trieb und in allem Andern höchst unwissend war. Oeffnete es sich nun auch iAwer wieder den anderen Künsten und Wissenschaften, so kehrten doch immer die Heroen des Stammes zur Religion zurück, und zu seinen größten Lehrern gehörten ausgezeichnete Aerzte, Finanzmänner rc. Daher ging das Licht des Denkens und Forschens in Israel niemals unter, und in Zeiten, wo die Welt mit Dunkel bedeckt war, leuchtete in Israel die Religion mit Energie. So war es auch in Israel niemals ein einzelner Stand, der von der Theologie durchdrungen war, sondern Alle hatten gleichen Antheil nach dem Grade ihrer Befähigung. Hierbei ward aber stets der Standpunkt der Offenbarung festgchalten, und auch die, welche philosophirten, beharrten auf der Basis göttlicher Offenbarung. War somit der innere Charakter für den Beruf Jsrael's befähigt, so mußte auch äußerlich eine gewisse Jsolirung bedingt sein, die nur je nachdem die Wahrheiten der Offenbarung die Menschheit durchdringen, schwinden kann. Waren allerdings auch in der eigenthümlichen Verfassung Israels Momente gegeben, welche Israel isoliren mußten, so lag nichts desto weniger in der Ausschließungssucht der mittelalterlichen Völker und Religionen, welche darin so sehr von den Nationen des Alterthums sich unterscheiden, eine Nothwendigkeit der Jsolirung, die zwar den israelitischen Individuen zu schwerem Leide wurde, aber der Erfüllung des israelitischen Berufes sehr zur Hülfe kam. Hier ist cs, wo eine so augenfällige Tendenz der ganzen Geschichte Israels einwohnt, daß man sie nirgends als eine zufällige betrachten kann. Die ganze Heranbildung des Volkes zur Offenbarung bezeugt die Sorge für seine Jsolirung, um nicht mit den anderen Nationen vermischt zu werden und es in die übrigen nicht aufgehen zu lassen. Abraham wird aus seinem Vaterlande gerissen, Jakob von den Kanaanitern getrennt, das Geschlecht nach Aegypten verpflanzt, um in der Mitte dieses ausschließenden Volkes zur Nation heranzuwachsen. Das Volk wird als feindlicher Eroberer nach Kanaan versetzt, um immerfort die! Ureinwohner sich gegenüber zu haben. So bleibt es iso- | litt in seinem Lande, bis ein Theil seiner Wahrheiten in die westliche Welt eindringt, um, dahingeschleudert, von einer neuen Zeit noch sorgfältiger isolirt zu werden. Die ganze israelitische Geschichte läßt sich daher in den drei Perioden fassen: die der Heranbildung bis zur Besitznahme Kanaans, die der Selbstständigkeit, um die Offenbarung iu sich wurzeln zu lassen und sie zu wahren, die dritte