Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1846)
- Date
- 1846-01-26
- Page
- Seite 74 (sequence 14)
- Language
- German
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74 Verlangen und Streben nach diesem ist die tägliche Verwirklichung desselben. Nicht wird das Messiasreich als urplötzliches Wunder der staunenden Menschheit vor die Augen treten, sondern wir müssen es durch unser eignes Thun herbeiführen. Ist nun aber die historische Fortentwicklung der Menschheit nichts weiter als die progressive Entfaltung der Messtasidee selbst, so werden wir mit Recht die hervorragenden weltgeschichtlichen Ereignisse als die Knotenpunkte au dem unabsehbaren, stets schwingenden Faden messianischer Fortbewegung bezeichnen können. Daher betrachten wir die erste Wegführung der Juden nach Babylon als den ersten Schritt der Vorsehung zur Erfüllung unsrer messtanischen Hoffnung; denn durch dieses Exil empfing das im Finstern wandelnde Heidenthum die ersten Strahlen unsrer lichten Gotteslehre, wofür es sich auch gegen die Träger und Verkünder derselben dankbar bewies. Gleichsam von heiliger Ahnung der Zukunft durchdrungen ließ Cyrus die Juden in ihre Heimat zurückkehren, damit die göttliche Religiouslehre noch ein Mal bestätigt und befestigt, damit sie mit unauslöschlichen Schriftzügen Ln das Herz des jüdischen Volkes eingegraben werde, um für alle Ewigkeit Besitzthum der Menschheit zu bleiben. Diese dauernde und bleibende Befestigung der jüdischen Religion durch Esra und Rehemia kann füglich als das zweite Stadium der Verwirklichung des Mcsst'asreiches angesehen werden und wer das Moment der Rückkehr nach Palästina in der Messtasidee durchaus realisirt wissen will, kann dasselbe mit dieser Regeneration des jüdischen Staates als erledigt erachten. Die dritte Ankunft des Messias erkennen wir Ln Christo. Hier ist der passende Ort, wo wir uns über den so alten und noch immer zwischen Juden und Christen odschwebenden Streitpunkt entscheiden müssen: ob der Messtas noch erst kommen wird, wie jene behaupten, oder schon gekommen sei, wie diese versichern. Ohne diese strittige Frage würde wol kaum Jemand mehr die Verheißung des A. T., daß ein Sproß aus dem Stamme Davids kommen werde, in dem wörtlichen Sinne eines persönlichen Messias nehmen, sondern cs ganz natürlich finden, daß ein Volk denjenigen Herr scherstamm, au den sich seine glänzendsten historischen Erinnerungen knüpften, als idealen Träger seiner heiligsten Hoffnungen und Ahnungen darstelle; der konfessionelle Kampf aber macht die Gemüther von vorn herein befangen und trübt den klaren Blick eines unparteiischen Auges. Wir können uns nur dahin entscheiden, daß jede der beiden Parteien Recht und Unrecht zugleich habe. Die Juden haben Recht, daß der Messias noch nicht gekommen sein könne, denn noch bedecket die Gotteserkenntniß nicht die Erde wie Wasser bedecket den Meeresgrund, noch herrschet Hader und Zwietracht, Haß und Verfolgung unter den Menschen, noch leben die Elemente und Mächte der Natur in Feindschaft und Kampf miteinander. Darum mögen die Juden standhaft außharreu bei ihrer weltumfassenden Religiouslehre und die Segnungen derselben immer mehr zu verbreiten suchen, um das Messiasthum zu beschleunigen. Tie Christen haben Recht insofern als das Christenthum dadurch, daß es das Heidenthum dem Judenthum um so viel näher geführt, in der That die Menschheit dem Messiasreich um ein Bedeutendes naher gebracht und also in Christo theilweise der Messias gekommen sei. Allein sie haben Unrecht wenn sie glauben, daß mit Christus die Entwicklung der Messtasidee abgeschlossen sei. Daher mögen sie nicht aufhören, an dem Ausbau ihrer Religion fortzuarbeiten, um zu dem reinen Lehrbegriff des Judenthums zu gelangen, daher mögen sie nicht sortfahren, die Ausschließung des Judeuthums und der Juden als zum Wesen des Chriftenthums gehörig zu betrachten; jede Schranke muß vielmehr fallen, wenn der Messias wahrhaft kommen, wenn allgemeine Gotteserkenntniß, Tugend und Glückseligkeit unter den Menschen herrschend werden soll. D. R. M. Sachs'fche Vorlesungen. V. Berlin, 13. Januar. Heute fand die fünfte Vorlesung des Herrn Dr. Sachs über Kultur- und Literaturgeschichte der Juden statt. Wegen der langen Pause, die durch das Ausfallen der Vorlesung in voriger Woche entstanden, hielt es der Redner für nothig, den Inhalt der Letzten seinen Zuhörern summarisch noch einmal vorzuführen und schloß daran eine Ergänzung und einen Nachtrag zu derselben in Bezug auf das Wesen des Midrasch's und Talrrmd's. Wider Erwarten widmete er noch diese Stunde der Besprechung jener Schriften. Er hob es als einen Akt der Gerechtigkeit hervor, sich eine unparteiische Vorstellung von dem Wesen derselben zu bilden und bezeichnete es als eine heilige Pflicht, das vornehme Vorurtheil, das sich in dem Grauen vor dem Talmud, als einem der Bildung und Aufklärung unserer Zeit schroff entgegenstehenden Produkte