Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1846)
- Date
- 1846-01-26
- Page
- Seite 73 (sequence 13)
- Language
- German
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73 jüdischen Religion entstehen mußte. Ein Staat ist nicht nur jeder möglichen Veränderung, sondern sogar gänzlicher Zerstörung und Vernichtung ausgesetzt. Werden nun Staat und Religion als wechselseitige Bedingungen ihres beiderseitigen Bestehens aufgefaßt, oder gar miteinander Ldenttfizirt, so muß auch die Möglichkeit des Untergangs der Religion zugegeben werden. Allein bei den Juden stand der Glaube an die Ewigkeit ihrer göttlichen Religion zu unerschütterlich fest, als daß ein solcher Gedanke aufkommen konnte. Die Propheten mußten daher, wenn sie in ihren gewaltigen Strafpredigten gegen das Verderbniß des jüdischen Staates eiferten und seinen Untergang verkündeten, zugleich auch auf die Erhaltung der ewigen Wahrheiten des Judenthums außerhalb des jüdisch-nationalen Gemeinwesens mit Nachdruck Hinweisen und verheißen. Hiermit ist nun die erste Spur der Messiasidee und die erste Entwicklungsstufe derselben gegeben: die Verheißung eines ewigen Fortbestandes des Judenthums ohne den politischen Bestand der Juden heit *). Aber die Vertreibung Israels soll auch ein Mittel werden zu seiner Läuterung und Erhebung. Tief gebeugt von der allmächtigen Hand Gottes ob seiner Abtrünnigkeit und Götzendienerei, niedergedrückt vom Gewicht der härtesten Strafe, welche ein Volk nur treffen kann; seiner Freiheit und Unabhängigkeit, seiner religiösen und politischen Institutionen, seines theuern Heimatlandes verlustig, in der Fremde von götzendienerischen Nationen beherrscht und geknechtet soll es sich dessen erinnern, der ihm stets Retter war in der Noch, dessen Gnade und Barmherzigkeit es erfahren von Jugend auf, der sie mit väterlicher Liebe geleitet hat und gepflegt durch die Wüste der Zeiten, in allen Stürmen und Gefahren des Lebens; zu Gott sollen sie sich wenden und ihn aufsuchen, der so gern sich finden läßt, der die Zerstreuten und Verstoßenen Israels sammeln wird von allen Enden und Winkeln der Welt, der die Gebeugten wieder erheben und die Gefallenen wieder aufrichten wird, der den Abglanz seines Namens wieder wird weilen lassen auf seinem heiligen Berge. „Denn siehe Tage kommen, ist der Spruch des Ewigen, und ich führe zurück die Gefangenen meines Volkes Israel und Jehuda und bringe sie zurück in das Land, das ich gegeben ihren Vätern, daß sie es besitzen; und es soll ge¬ *) Es dorret das Gras, es welket die Blume, denn der Odem des Ewigen hat es angeweht; fürwahr, Gras ist das Volk. Es dorret das Gras, es welket die Blume, aber das Wort unsres Gottes besteht ewiglich. schehen am selbigen Tage, ist der Spruch des Ewigen der Heerschaaren, werde ich zerbrechen dein Joch von deinem Halse und deine Bande werde ich zerreißen und es werden nicht ferner Fremde ihn dienstbar machen, sondern sie werden dienen dem Ewigen ihrem Gotte und David ihrem Könige, den ich ihnen aufstellen werde." Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe der Messiasidee sind die Völker und Nationen der Erde noch immer im Gegensatz zu Israel gedacht und somit vom Messiasreiche noch ausgeschlossen. Erst auf der dritten und höchsten Stufe sehen wir die ganze Menschheit in einem Bruderbünde vereinigt, von gleicher Erkenntniß des alleinigen Gottes durchdrungen, und durch das Weltall ergießt sich der himmlische Strom des Friedens, der Eintracht und Liebe. „Und geschehen wird es in späten Zeiten, da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen über den Bergen und er überragt die Hügel und es strömen zu ihm all die Völker: und viele Nationen werden ziehen und sprechen: Wohlan lasset uns hinaufgehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen und wir wandeln auf seinen Pfaden, denn von Zion geht aus die Lehre und das Wort Gottes von Jeruschalajim. Und er wird rechten zwischen den Völkern und entscheiden vielen Nationen und sie werden stumpf machen ihre Schwerdter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebeumessern. Nicht wird erheben Volk gegen Volk das Schwerdt und nicht lernen sie fürder den Krieg." „Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme und der Tieger lagert neben dem Böcklein und Kalb und junger Leu und Mastthier zusammen und ein kleiner Knabe leitet sie; und Kuh und Bär weiden, es lagern ihre Jungen zusammen und der Leu, wie ein Rind, frißt Stroh; und es spielt der Säugling auf dem Loche der Natter, in die Höhle des Basilisken steckt seine Hand das entwöhnte Kind; sie thun kein Leid und richten nicht Verderben an auf meinem heiligen Berge; denn voll ist die Erde der Erkenntniß des Ewigen, wie Wasser bedecken den Meeresgrund." Haben wir uns nun die religiös-sittliche Bedeutung der Messiasidee klar zu machen gesucht, so fragt sich weiter, welches Gewicht kann eine Verheißung, die Zusicherung eines zukünftigen Ereignisses für das religiöse Leben der Gegenwart haben? Der Glaube und die Hoffnung an und auf diese Verheißung erzeugt das Verlangen und das Streben zur Verwirklichung derselben, denn sage mir, o Mensch, was du hoffst und ich sage dir, wonach du strebst. Ja mit der Verheißung selbst beginnt schon das Messiasreich und das