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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-26 · Heft 5 (26.1.1846) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 5 (26.1.1846)
Date
1846-01-26
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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72 er es bisher gethan. Will er ja, in seinem Nachworte zu dem ziemlich schmutzigen Magyar Tilkok, durchaus Iudenfreund fein? Aber davon ein ander Mal — auf ungarischem Boden. IM. H—n. Korrespondenz. Berlin, 12. Januar. Vorlesungen des Dr. S. Stern. Y. Die Messiasidee im Iudenthume. Rach mehrwöchentlicher Unterbrechung begann Herr Dr. Stern am 7. d. M. seine Vorlesungen wieder. Um die so zahlreiche und gemischte Zuhörerschaft nach so langer Pause wieder in den nöthigen Zusammenhang zu setzen führte er noch ein Mal die bisher vorgetragene enggeschlossene Gedankenreihe in kurzen aber wie gewöhnlich klaren und durchsichtigen Worten an uns vorüber. Mit besonderm Nachdruck hob er den Gedanken hervor, daß der Universalismus der religiösen und sittlichen Anschauung des Judenthums von dem Partikularismus und der nicht selten schroffen Ausschließlichkeit der jüdischen Staatsgesetze wohl zu scheiden sei, daß die Beengtheit und Beschränktheit, welche man dem Iudenthume so oft zum Vorwurf gemacht, nur die nothwcndige Folge des politischen National Verbundes der Juden sei, daß jenes vielmehr immer und immer über die abgemark- Lea und ängstlich bewachten Grenzen des väterlichen Bodens und der jüdischen Nationalität Hinausweise — in der Messiasidee, die den Gegenstand der heutigen Betrachtung bilden solle. * Gern mochte ich nun dem Herrn Dr. Stern in diesen Betrachtungen Schritt um Schritt folgen. Allein mehr als bisher fürchte ich besonders heute dem geehrten Leser eine falsche Vorstellung von dem ganzen Eindruck dieser Vorlesung zu geben. Ist schon das geschriebene Wort an sich nur ein schwaches Surrogat der lebendigen Rede, so muß sich das Gefühl seiner Unzulänglichkeit noch steigern, wenn eine dürre Skizze, ein mageres Gedankengerippe einen abgerundeten lebensvollen und lebensfrischcn Organismus vertreten soll. Und wahrlich es war ein erhebendes Bild, das Herr Dr. Stern vor uns aufroüte! Mit fester und sicherer Hand schloß er die Pforten der Zukunft auf und wir sahen es leuchten das Licht des Judenthums in seinem ungetrübten jungfräulichen Glanze, wir sahen sie, die Sonne der Gotleserkenntniß, der Freiheit und allgemeinen Bruderliebe in ihrer vollen Strahlenpracht und von ihren freundlichen, warmen Blicken schmolz die Eisesrinde der Gegenwart, welche die zarten Blüthen schon in ihrem Keime zu ersticken droht. — Euer ist die Zukunft, tönte es wie eine Stimme von oben, Euer ist die Zukunft, harret nur noch eine kurze Zeit, bleibet standhaft und fest, das Schwerste habt Ihr überstanden — ein finsteres Jahrtausend voll Schmach und Verfolgung, voll Martern und Qualen; dauert aus, denn nahe ist das Heil und die Erlösung. Und es athmete auf jede Brust, und Trost und Hoffnung zog ein in jedes Gemüth; vergessen war plötzlich aller Schmerz und aller Gram um die Roth und das Elend unserer bedrückten Gtaubensbrüder, geheilt all' die Radel- und Skorpionenstiche, die uns in jüngster Zeit verwundeten und — leider noch immer verwunden. Ich will daher den verehrlichen Leser nicht durch eine künstlich nachgemachte Blume, der doch der natürliche Farbeuschmelz und erquickende Duft fehlte, täuschen, sondern bloß einige der Hauptgedanken wiederzugeben versuchen und es Jedem selbst überlassen, dieselben nach ihrer schwach angedeuteten Wirkung zu vervollständigen und zu beleben. Die Messiasidee ist, wie die höchste Blüthe der jüdischen Religion, so das eigenthümlichste Gewächs, welches dem Boden des Jndenthums entsprossen ist. Weit entfernt, von irgend einem andern Volke entlehnt oder auch nur influirt zu sein, bildet der Gedanke einer messianischen Zeit den schneidendsten Gegensatz zu den Begriffen und Vorstellungen aller anderen Rationen. Während diese nämlich ihr sogenanntes goldnes Zeitalter von verschiedener Dauer, Ausdehnung und Umfassenheit in die Wiegenzeit der Menschheit verlegen und diese dann, jemehr sie sich von derselben entfernen, immer tiefer und tiefer in's Verderben sinken lassen, versetzt das Judenthum sein Mesfiasreich an das Ende der Zeiten und läßt die Menschheit immer höher und höher von einer Stufe der Vollkommenheit zur andern steigen, bis es desselben für alle Ewigkeit theilhaftig zu werden würdig ist. Wir können aber, wie uns die Messiasidee in den Propheten vorliegt — denn im Pentateuch ist keine deutliche Spur derselben zu finden — drei EntwicklungSmomente unterscheiden: Die Messiasidee hat ihren Ursprung in dem Widerspruch, welcher im Verlauf der Zeiten zwischen dem jüdischen Staats leben und der mit demselben verschmolzenen

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