Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1846)
- Date
- 1846-01-26
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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63 Da ist es, wo mit Ftammenschrift uns das Gebot vor die Augen des Geistes tritt: Und kannst du nur einen Tropfen erhalten, so bist du dem Meere den Tropfen schuldig, für ihn verantwortlich! Wir fragen uns demnächst: wohin sollen die Juden aus Rußland auswandern? In Europa ist kein Platz für sie. Aber Teras, Mosquito, Neu-Holland, das Innere des Kaplandes — warum sollen da Haufen nüchterner, thätiger, aufathmender Menschen nicht Raum finden? Wir fragen weiter: sind die russischen Juden befähigt ausjuwandern? Auch da lautet die Antwort im Allgemeinen günstig. Ob sie zur Entbehrung, zur Ertragung von Mühsalen, Mangel, Beschwerden geeignet sind? Wer mochte zweifeln. Es leben dort Greise von 70 Jahren, die — niemals Fleisch gekostet. Auch an Kraft und Gewandtheit mangelt es ihnen nicht. Dafür sprechen die jüdischen Soldaten im russischen Heere, die polnischen Fuhrmannsknechte re. Auch das muß man bedenken, daß die russischen Juden unzählige Handwerker aller Art unter sich haben, und sehr Viele, die selbst mit dem Landbau sehr vertraut sind. Die bedeutendste Frage bleibt daher: wie diese Uebersiedelung in's Werk zu setzen? Das ist keine Frage: wer diese Uebersiedelung zu bewerkstelligen, zu vermitteln, vorzubereiten habe? Die europäischen Juden. Wer unter diesen noch ein Herz hat, wer nicht bloß Jude, wer unter ihnen nur Mensch ist, muß Alles aufwenden zu diesem Werke, was ihm zu Gebote steht. Daß auch bei Christen, ja bei großsinnigen Regierungen daun, wenn die ganze Judenheit sich der! Sache annimmt, vielfache Unterstützung, namentlich in den Hülfsmittelu zur Uebersiedelung und Ansiedelung gefunden werden würde — ist sicher. Wie sollen nun die Juden dies zu bewerkstelligen vermögen? Durch einen großen Hütfsverein zur Uebersiedelung russischer Juden. Bevor wir über die Organisation eines solchen uns aussprechen, müssen wir seine Zwecke in's Auge fassen. Diese können nur sein: a) von der russischen Regierung die Erlaubuiß zur Auswanderung für die Juden zu er-! langen. Es ist dies der erste Schritt, aber kein leich-! ter. Rußland kann einen weit verbreiteten, zahlreichen > Volksstamm nicht so leicht entbehren. Es würde durch j die Juden mancher Landesstrich unbewohnt werden, manche Ressource selbst für die Staatseinnahmen, für das Heer versiegen. Hier spricht nur der Umstand gerade für die Juden: daß die Juden nicht einen Völkerstamm bilden, der ein bestimmtes Land allein bewohnt, sondern er ist weit zerstreut und wohnet unter den Einwohnern gemischt, so daß nicht geradezu eine Verödung, sondern nur die Lichtung der Bevölkerung eintritt. Ferner: die Juden sind nicht Produzenten im strengen Sinne dieses Wortes, also den Ländern, wo sie wohnen, nicht unmittelbar nothwendig; sie sind Händler, Vermittler, Zwischenarbeiter, au deren Stelle bald andere Personen treten würden, namentlich sind die Russen selbst, wie bekannt, hierzu am Geeignetsten. Während also durch Entfernung der Protestanten und Katholiken eine unersetzliche Lücke, eine Wunde, eine große Beschädigung des Staates bewirkt werden würde, ist dies mit den Juden viel weniger der Fall, und ihre Entfernung würde sich um vieles leichter, namentlich nach der Ansicht der Herrschenden, verschmerzen lassen. Wird hierdurch eine Chance für die Erlangung jener Erlaubniß eröffnet, so könnte diese nur gewonnen werden, wenn man offen und geradezu an die russische Regierung sich wenden würde. Man muß das Prinzip derselben anerkennen; mau muß sagen: Ihr wollt eine religiöse Einheit in Eurem Lande haben — nicht w L r haben darüber mit Euch zu rechten — aber da 1 ^2 Millionen unserer Glaubensgenossen dabei untergehen, so flehen wir Euch an: lasset ziehen, wer ziehen will! Das hat ja selbst Spanien gestattet. Bedenkt, daß Niemand die Menschlichkeit unbestraft mit Füßen tritt, daß in der Geschichte noch Niemand aus Blut und Fessel Bestand gezogen. Und was würden l1/* Millionen zertretner Juden Eurer Kirche | für Heil bringen? Der Masse der russischen Juden ist auf ihrer Stufe ihre Religion die einzige Stütze, der einzige Anhalt; ist sie ihr genommen, so muß sie zur eiternden Giftbeule an Eurem eigenen Fleische werden! Nur auf diese Weise kann die Erlaubniß erlangt werden. b) Plätze, Landstriche zu ermitteln, wohin Haufen russischer Juden übergesiedelt werden können. Allerdings kann man diesen kein Eldorado schaffen; in wüstes, unbebautes Land nur kann man sie in Masse senden, und dahin als köstlichste Mitgabe Freiheit der Bewegung, freie! Anwendung ihrer Kräfte, Gewissens- und bürgerliche Freiheit, und — die Mittel zum Beginne darbieten. Es giebt jetzt in Amerika, am Kap, in Sydney, in Algier rc. Juden genug, die mit genauer Kenntniß der Lokalitäten