Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-26 · Heft 5 (26.1.1846) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 5 (26.1.1846)
Date
1846-01-26
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225449--07485-3238245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

62 worfeneri Völker kommen könne, auf daß, da die russische Nationalität es nicht vermag diese Völker zu durchdringen, ein anderes Interesse vorhanden sei, durch welches sie um den russischen Staat geschaart und der ganzen übrigen Welt gegenübergestellt würden. Dies könnte nur sein — die russisch-griechische Kirche, welche in dem Zaren Lbr sichtliches Oberhaupt hat. Die griechische Kirche hat außer Griechenland keinen breiten Fuß gefaßt Ln der ganzen weiten Welt. Die russisch-griechische Kirche steht somit isolirr da, der ganzen übrigen Welt gegenüber. Somit müssen alle ihre Bekenner Ln Rußland, im russischen Staate allein ihren Mittelpunkt haben; ihr Interesse kann nur in der Größe und Macht des russischen Reiches liegen. Würden somit alle russischen Unterthanen dieser Kirche angehören, so hätte Rußland eine Einheit, Ln deren Schatten es ruhig die verschiedenen Nationalitäten, die cs birgt, übersehen und der gegenseitigen Durchquickung überlassen könnte. Wir haben hiermit erweisen wollen, daß die judenseindliche Tendenz der russischen Politik nicht aus speziellem Hasse, nicht aus persönlichem Widerwillen, nicht aus Glaubensfanatismus, sondern aus einer politischen Nothwendigkeit, in die sich die russische Regierung versetzt glaubt, entspringt, obgleich freilich alle jene Leidenschaften mit dazu gehören, um eine solche politische Idee und auf diese Weise zur Ausführung zu bringen. Was folgt hieraus? a) daß alle Bitten, mögen diese von in- oder ausländischen Juden, mögen sie als Fürbitten und Vorstellungen von befreundeten Höfen hervorgehen, vergeblich sind. Ja, man kann vielleicht Versprechungen erhalten, Zusicherungen, ja, im glücklichsten Falle kann für den Augenblick ein Zurückziehen der schärfsten Stacheln erlangt werden — aber ein Dauerndes nimmermehr. Wer so weit gegangen, wie Rußland, der ist nicht von einer zeitlichen Leidenschaft getrieben, sondern von einem eisernen Prinzip, von einem schrecklichen, unerschütterlichen System — er kann einen Augenblick einhaltenaber umkehren kann und wird er nicht. Ja, waren es noch die Juden allein — so aber sind es Alle, die nicht zur griechischen Kirche gehören, welche bezwungen werden sollen, gegen die Juden wird nur das Aeußerste gethan, weil diese ganz ohnmächtig sind, weil diese bei aller Verzweiflung nichts vermögen, und weil gar keine Macht vorhanden ist, die remonstriren wird. Seied sicher, daß, in dem Augenblick, wo eine Zusicherung der Milde auf's Nachdrücklichste gegeben wird, ein um so härterer Schlag erfolgen wird. Monlefiore hat im vorigen Jahre Versprechungen erhalten, und was dahinter kam, Ihr wisset es. Nein! das Alles ist nutzlos; ja gefährlich, weil es die Thatkraft, so weit diese vorhanden wäre, schwächt, einlullt. Wie gesagt, wir befinden uns einem Systeme gegenüber. b) Daraus folgt ferner: daß in Rußland selbst den Juden nicht geholfen werden kann. Wer diese Hoffnung nur irgend nährt, giebt dem Gegner nur in's Fäustchen zu lachen. Steht das oben gezeichnete System Rußlands fest — und was wäre fester? — sehen wir, wie weit Rußland mit Riesenschritten in der Ausführung seines Planes schon vorgegangen, ohne Scheu, ohne Rücksichten auf die ganze übrige Welt: so wird es nicht ruhen, bis es alle Nicht-Gräko-Katholiken mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat. Mag die Proselytcnmacherei unter den Protestanten auf ein halbes Jahr verboten worden sein, mag für jetzt eine mildere Praris gegen die Katholiken eintreten: lang wird es nicht dauern, und desto nachdrücklichere Schritte werden vorbereitet sein. Und warum sollte man mit den Juden einhalten? Ihr seht ja, all' die großen Pläne mit dem Schulwesen der Juden sind — in eine „Lichtsteuer" aufgegangen, durch welche wahrscheinlich das Geisteslicht der Juden recht annehmlich und gefällig gemacht werden soll. II. Es ergiebt sich somit als das einzige Hülfsmittel für die russischen Juden — die Auswanderung, die Hinwegschaffung aus Rußland. Es ist kein anderes vorhanden, cs ist kein anderes übrig und möglich. Jeder, der den Gedanken vor sich hat, eine Volksschaft von 17-2 Millionen aus seinen Sitzen zu nehmen und mit einem Male an ein entgegengesetztes Ende der Erde zu schaffen, wird davon in Schrecken gesetzt, wird an der Ausführung, nicht zweifeln, sondern verzweifeln. Man giebt ihn auf, man wirft ihn fort. Aber das Elend ruft immer lauter, der Jammer wachst und mit ihm der Hülfsruf. Er dröhnt in jedes Ohr, er zerreißt jedes Herz. Man kommt wieder darauf zurück. Man ist dazu gedrängt. Es giebt keinen Ausweg. In allen Nöthen, wenn die Gefahr am Höchsten gestiegen, wenn jede Aussicht der Rettung geschwunden, da bleibt nichts übrig, als: „Thu deine Pflicht, und das Uebrige gieb dem Lenker droben in die Hände!" Nur aber thu deine Pflicht — denn die Größe, ja die Unmöglichkeit wird niemals entschuldigen, daß du deine Hände in den Schooß legest.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.