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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-19 · Heft 4 (19.1.1846) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 4 (19.1.1846)
Date
1846-01-19
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 vernehmen lassen, die unsere Gegner weit konsequenter benützen dürsten, als der Herr Rabbiner zu ahnen scheint. Diese dürften also argumentiren: ist völlige Freiheit mit dem Judenthume unverträglich, so ist auch ein Theil derselben ihm schädlich und wir müssen im Interesse eurer Religion jede Verbesserung eurer Lage zurückweisen, die alten Beschränkungen bestehen lassen und sogar noch neue hinzuschaffen. Sieht nun der Herr Rabbiner, zu welchen heillosen Konsequenzen seine Behauptung führen kann, führen muß? Es ist wahrhaft betrübend, solche Urtheile aus dem Munde eines Priesters zu vernehmen, von dessen Lippen Weisheit und Wahrheit fließen soll; betrübend die Wahrnehmung, wie ein Hirte seine Schafe einpferchen und ihnen im Namen Gottes den Genuß der Freiheit rauben möchte. Wer je das Elend unserer bairischen Glaubensgenossen auf dem Lande gesehen und den Druck mit ihnen gefühlt hat, dessen Herz blutet, sie von solchen Sachwaltern vertreten zu sehen. Mögen die zahlreichen Gemeinden dieses Rabbinatsdistriktes sich durch die falschen Orakel ihres Priesters in ihrem eifrigen Streben nach dem Menschenrechte nicht irre machen lassen. H. Reichmann. Frankfurt am Main, 2. Januar. Nach dem so eben erschienenen 20sten Rechenschaftsbericht des hiesigen „Vereins zur Beförderung der Handwerke unter den israelitischen Glaubensgenossen" betrugen die Einnahmen 10,983 Fl., die Ausgaben 3202 Fl. Die Statistik der Gewerbe, denen die Unterstützten sich gewidmet, ergiebt: 146 Schuhmacher, 98 Schneider, 47 Tischler, 43 Sattler, 28 Klempner, 22 Dreher, 21 Buchbinder, 17 Portefeuillemacher, 17 Schlosser, 17 Schriftsetzer, 16 Bäcker, 13 Kammmacher n. Das großh. Hess. Ministerium des Innern hat dem Verein unterm 13. September v. I. auf Ansuchen die Vergünstigung ertheilt, daß die von ihm unterstützten Lehrlinge, sofern sie ein Armuthszeugniß beibringen, bei den Zünften unentgeltlich aufgedungen und losgesprochen werden sollen. Vom Unterrhein, 6. Januar. (Privatmitth) Unter Bezugnahme auf einen Artikel von Müllhcim im badischen Oberlande, in No. 51 v. I., in der A. Z. d. I., halte ich mich im reinen und allgemeinen Interesse für die Sache der jüdischen Religion zu bemerken veranlaßt, daß Formulare zu einer Eingabe an das hohe Staatsministerium gegen die kühler Versammlung und gegen deren gemuthmaßten Absichten, besonders wegen Besetzung der Oberraths- Rabbinerstelle, von der bekannten Sippschaft in Karlsruhe, allerdings auch in andere Gegenden Badens, namentlich in solche verschickt worden sind, wo man gleichgestimmte Seelen zu haben glaubt. — Diese Formulare und zum Theil die darnach verfaßten Spezialeingaben wimmeln von Gemeinheiten, von maßloser Arroganz gegenüber der höchsten Staatsbehörde, von rafsinirtem Fanatismus und von solcher Bornirtheit, daß sie sich herausnehmen, unter Anderm sogar einen Mann zum theologischen Mitglieds in den Oberrath vorzuschlagen, der noch vor kaum anderthalb Jahren (aber auch schon früher) einer Frau, der mehrere Kinder nacheinander starben, mystische Räucherungen bei verschlossenen Haus- und Stubcnthüren u. dergl. verordnete, welche Frau während der besagten Räucherung — eine Ratte d. h. den mnrt gesehen zu haben fest behauptet hat. Ich kann versichern, daß nicht bloß in den aufgeklärten Theilen, sondern auch in den sogenannten dunklen Stellen Badens, bei dem größern und zahlreich gebildeten Theile an diesen Plätzen, gegen eine besonnene religiöse Reform, namentlich auch gegen allmalige zeitgemäße Verbesserungen im Kultus keine Abneigung, kein Widerstand mehr zu fürchten ist. Darum möge sich auch unsere Oberkirchenbehörde von solchem mittelalterlichem Spucke ja nicht beirren lassen, die seit 30 Jahren erzielte und bethätigte allmälige und solide — weil in dem jeweiligen Bewußtsein der Gemeinden basirte Kultivirung der Israeliten Badens zu übereilen oder zu unterbrechen. Aber die Zeit ist jetzt allerdings da, wo etwas Erkleckliches gethan werden muß; mit Jdealisiren und Phantasiren ist jetzt nicht mehr gedient, wenn nicht ein bedeutendes sehr beklagenswerthes Schisma nun bald auch bei den Landgemeinden entstehen soll. Wir, die wir das lautere, positive Judenthum mit Liebe umfassen, gestehen gern, daß bei historischer Betrachtung der seitherigen Thätigkeit des großherzoglichen Oberraths, von dieser hohen Behörde in der gegenwärtigen Krisis, wo das religiöse Bewußtsein der badischen Israeliten in eine neue Phase tritt — zum Theil schon getreten ist — das Beste zu erwarten, dagegen von den karlsruher Formularen zum Fanatismus nichts zu fürchten ist. 4*

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