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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-01-19 · Heft 4 (19.1.1846) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 4 (19.1.1846)
Date
1846-01-19
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 rchört in den äußersten Grenzen Sibiriens verhallen muß: das setzt uns in der That oft in Erstaunen und kann wahrlich von der hochgepriesenen Aufklärung des Jahrhunderts nicht das allerbeste Zeugniß oblegen. Jetzt da der russische Kaiser in diesseitigen Ländern weilt, wäre es zeitgemäß, ihn zu milderen Maßregeln zu stimmen, und vielleicht würden ernste Vorstellungen einerseits und sein weltkluger Blick andererseits, dem Spaniens Geschichte als Warnungstafel von der vermeintlich segensvollen Ausschließlichkeit eines einzigen blos äußerlichen Religionsbekenntnisses vor Augen schwebt, eine Aenderung herbeiführen müssen, wo das fortgesetzte System mit der Zeit Millionen Menschen nur in's heimische grausenhafte Elend oder in's auswärtige Exil führen kann. Denn wir wollen es uns nicht verhehlen, daß täglich Flüchtlinge aus Rußland über die Grenze kommen, die sich dem Unerträglichen ihrer Lage durch Auswanderungen zu entziehen suchen. Wahrlich, nicht für Juden allein, die man vom platten Lande verjagt, denen man die Gewerbe entzieht, deren Religionsgebräuche man mit aller Gewalt abzuschaffcn sich bestrebt, auch für christliche Unterthanen des russischen Kaiserreichs wird es bald, wenn keine besseren Grundsätze geltend gemacht werden, an der Zef' s.!^, an die Organistrung eines allgemeinen Auswanderungssystems zu denken, das die reichen und wohlhabenden Männer des ganzen zioilisirten Europa, das alle hochherzigen Regierungen mit den nöthigsten Geldmitteln unterstützen müßten. War doch vr. Lilienthal selbst, der mehrere Jahre in Petersburg saß, um ausländische Kultur in Rußland zu verbreiten, als er endlich einsah, daß er unter den drückenden Gesetzen des Landes nicht zum Wohle seiner Glaubensbrüder wirken könne, und als man gar ihn persönlich in die bestehende Staatskirche einzutrcten überreden wollte, nach Amerika auszuwandern gezwungen. Wie sollten nicht Andere, nicht so vortheilhaft gestellt als Jener, und in Noth und Elend obendrein schmachtend und vergebens auf Erlösung aus ihrem traurigen Zustande hoffend, um dem Fanatismus zu entgehen, zu milderen Wohnstätten ihre Zuflucht nehmen! Wir haben gerade hier in Königsberg Gelegenheit genug, das Jammerbild flüchtiger Russen anzusehcn, und es ist heilige Pflicht der Presse, das immer größer werdende Uebel bei der Wurzel zu fassen und die Gefahr desselben erörtert, dem Publikum darzulegen, ehe es wie ein Riese über unsere Häupter emporwachsend uns selbst zu erdrücken droht. Deutschland. Kassel, 26. Dezember. (Privatmitth.) Die Leser Ihres geschätzten Blattes erinnern sich wol noch der Anstrengungen, welche vor einigen Jahren von mehreren ungarischen Rabbinen gemacht wurden, die Emanzipation unserer ungarischen Glaubensgenossen im Namen der Religion zu Hintertreiben. Alle denkenden deutschen und ungarischen Israeliten wiesen dieses sinnlose Treiben mit wahrer Indignation zurück und zeigten den gerechtesten Unwillen gegen diese Insinuation, die den Gegnern unserer Ansprüche auf Rechtsgleichheit neue Waffen in die Hände giebt, nachdem sie bereits selbst die Schwäche und Unzulänglichkeit der alten Eisenmengerischen zu fühlen beginnen. Um so überraschender ist es, wenn wir obiger Erscheinung in der Mitte Deutschlands wieder begegnen und hier einen Rabbiner die Unverträglichkeit der Emanzipation mit der jüdischen Religion seinen Gemeinden proklamiren hören. Wir beschränken uns auf die bloße Relation der Thatsache, da diese Ansicht vor dem intelligenten Publikum der Widerlegung nicht bedarf. Für die gegenwärtig versammelten Landstände Baierns werden von allen jüdischen Gemeinden des Königreichs Petitionen für die Verbesserung ihrer drückenden Verhältnisse und für Emanzipation vorbereitet. Bei dieser Gelegenheit sprach der Rabbiner S. B. B. in der Kreishauptstadt W. entschieden seine Mißbilligung gegen jede Bitte um Emanzipation aus, da diese sich mit derReligion nicht vertrage. Wir wollen zur Widerlegung dieser Ansicht den Herrn Rabbiner nicht auf die Geschichte verweisen, welche den Hessen, Franzosen und Holländern bei völliger Emanzipation das Zeugniß echter Religiosität giebt; auch fragen wir ihn nicht, in wiefern der Genuß bürgerlicher und politischer Rechte mit der Erhaltung der Religion im Ganzen zusammenhängt, da das reifere Bewußtsein unsrer Zeit diese Ansicht ohne Widerlegung von sich weist. Aber bedauern müssen wir es, daß in einem Staate, in welchem noch so schwerer Druck auf den Juden lastet und wo man sich seinen Rechtsansprüchen so wenig günstig zeigt, sich noch aus unsrer Mitte solche Aeußerungen

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